Zwischen den Zeiten

Auf dem Weg nach EUROPA - Zoll und Grenze im Wandel der Zeit

Erst arm, dann reich dank Zolleinnahmen

Dreh- und Angelpunkt des Handels war unter anderem die Zollstelle in Stickhausen. Hier trafen sich die Wege aus Ostfriesland, der Grafschaft Oldenburg und dem Fürstbistum Münster. Sowohl auf den Landwegen als auch auf dem Wasser wurden Waren hin und her verbracht. So war die Zollstelle eine begehrte Einnahmequelle, die gerne so „nebenbei“ betrieben wurde. Neben der Zollstelle bei der Burg Stickhausen gab es im Amtsbezirk noch die unbedeutenden Zollstellen in Rhaude beim Verlaatshaus, in Potshausen und in Großsander.

Bevor im Jahre 1822 eine bestimmte Zollordnung sowohl seitens Preußens als auch von Hannover und Oldenburg erlassen wurde,war eine solche Zolleinnehmerstelle vom Landesherrn verpachtet. Gegen eine geringe Gebühr durfte der Zolleinnehmer laut der gültigen Tarifliste die Zölle für ein- und ausgeführte Waren kassieren. Passte der „Zöllner“ dabei gut auf, ließ sich meistens ein schöner Reibach erzielen. Ließ er allerdings viele Wagen oder Schiffe an die Zollstelle vorbei“gleiten“, war er arm dran. Der Schmuggel, das Umfahren der Zollstelle, wurde allerdings hart bestraft.

Am Beispiel der Zollstelle Stickhausen ist der Wandel von einer verpachteten Einnahmequelle bis zu einer staatsdienstlichen Zollstelle „zwischen den Zeiten“ zu demonstrieren. Im Jahre 1795 hatte Gerhard Nellner die Zollstelle für einen Pachtzins von 575 Reichsthaler vom Emder Magistrat zugesprochen bekommen. In dem Pachtzins war auch eine Wohnung mit der „freien Krug Gerechtigkeit und der Erlaubnis Höckerey, Bäckerey, Bier- und Branntwein-Brennerey“ enthalten. Im Pachtvertrag festgehalten wurde, dass alle Waren für Emden und von Emden sowie die Waren von Leer zollfrei wären. Der Pachtvertrag wurde auf neun Jahre befristet.

Die Zollstation an der Jümme in Stickhausen. Es hat sich in der Zwischenzeit einiges verändert.

Niemand wusste, dass diese neun Jahre durch Ereignisse in EUROPA, ausgelöst durch die französische Revolution, von Kriegsgeschrei erfüllt würden.  Zwar hatte das vorläufig noch keine Auswirkungen auf den Warenverkehr vorbei an Stickhausen, wenngleich Franzosen und Engländer sich auf der Ems schon mal eine „Schlacht“ lieferten. Als Folge davon erwartete der Zolleinnehmer sogar, dass er demnächst auch Zölle für Emder und Leeraner Waren erheben könne. Somit gab er im September (1803 ?) auf die Ausschreibung der Preußischen Kriegs- und Domänenkammer in Aurich ein Gebot von 1476 Reichsthalern ab. Nellner wusste, dass sich auch andere Bewerber für die Stelle interessierten und hohe Pachtzinsangebote abgaben. Letztlich musste er noch einen Thaler draufgeben, um endgültig den Zuschlag zu bekommen.

Wer konnte auch vorausahnen, was da so in EUROPA passieren würde. Napoleon war auf der Höhe seiner Macht. Bestehende Ordnungen wurden beliebig durcheinander gebracht. Zusagen „hoher Herren“ galten kaum noch etwas. So wurde Nellner ebenfalls gelinkt. Die Kammer musste in einem Streit über die Grentz-Zölle bei Halte und Stickhausen klein beigeben. Emder und Leeraner Waren sollten auch weiterhin zollfrei vorbeifahren können.

Nellner sah sich nicht nur getäuscht, sondern auch seine Felle schwimmen. Es war ein harter Schlag, denn viele erhoffte und „zugesprochene“ Einnahmen würden eben doch nicht gebucht. Die hohe Pacht würde nicht bezahlbar sein. Seine Befürchtungen, in wirtschaftliche Schwierigkeiten zu geraten, bewogen Nellner, sich direkt an der preußischen König zu wenden  „...mit der submißesten Bitte, mir meinen übereilt gethanen Schritt huldreichst zu verzeihen und in Betrachtung aller Zeitumstände des jährlichen Pachtquantums des Zolls in Gnaden auf 115o Reichsthaler in Ducaten herunter zu setzen...“. In seinem Brief an den Allerdurchlauchtesten, Großmächtigen, Allergnädigsten König und Herr kommt die „ganze Noth und Verzweiflung zum Ausdruck“, und weiter „... nur ein seltsamer Drang von Zeitumständen konnte bei einem Menschen, dem, wie mir, Erwerbsfleiß, Ehre und Redlichkeit am Herzen liegen, dieses in meiner Lage höchst denkbar extrem bewirken. Noch keine acht Monate vom Mai entfernt, sah ich einen sehr beträchlichen Theil meines sauer erworbenen Verdienstes und meines angeerbten Vermögens in dem zum Betrieb der Wirtschaft und der Haushaltung nötigen Mobiliar verwandt. Eine zur jetzigen Zeit angesetzte Auktion hätte mir in dieser Hinsicht einen Verlust von Anderthalb tausend Gulden verursacht. Diese trübe Aspektion bewog mich, alles aufzubieten, um mit Mai nicht pachtlos zu werden. Meine Mitkonkurenten, ein Zimmermann aus Detern, ein Bauer aus Holte und ein Wirt aus Leer, fühlten sich nebst dem Schwiegervater eines unbekannten Holländers berufen, das Pachtquantum auf eine unverhältnismäßige Art zu übertreiben und in einer Betrachtung meiner Situation fast unvermeidlichen Sinnesverwirrung entschloß ich mich aus Not und auf Zureden einiger Bekannter, das letzte Gebot mit noch einem Reichsthaler zu vermehren.“

Der König war weit und seine Beamten in Aurich ungnädig. Sie teilten dem Bittsteller mit, „...daß er nur zufrieden sein möge. Wegen der geringen Differenz beim Angebot - die anderen Bewerber wären durchaus ebenso limitiert gewesen - könne der Pachtzins nicht jetzt herabgesetzt werden...“. Ein weiterer Versuch mit den neuen Gründen, dass sowohl von Preußen als auch von Oldenburg Ausfuhrverbote für Getreide, Mehl und Pferden erlassen und damit die Einnahme noch mehr gekürzt sei, blieb erfolglos.

Ganz EUROPA stand in Flammen. Preußen erlitt eine Niederlage nach der anderen und 1807 war es mit der Selbstherrlichkeit der preußischen Beamten in Aurich vorbei. Nellner sah seine Chance und erhob aufs Neue seine Bitte um Minderung des Pachtzins, jetzt bei den holländischen Besetzern. Wenigstens erhielt er eine Antwort mit der Mitteilung, dass das Nötige bei der Königlich Holländischen Behörde vorgestellt werde und er zu seiner Zeit benachrichtigt würde.

‘De een sien Krai is de anner sien Nachtigaal'.  Sehr viele Menschen hatten unter den Unbilden des Krieges zu leiden, verloren Hab und Gut und oft das Leben. Gerhard Nellner jedoch hatte ungeahnte Vorteile. Zunächst gab der Zuwachs  der Transporte von Holland nach Bremen via Stickhausen noch nicht viel her, doch als Napoleon Emden den Vorzug des Stapelrechts nahm, wurde plötzlich alles anders. Es begann für die Nellners, die immerhin auch einige Kinder zu ernähren hatten, eine segensreiche Zeit, von deren Früchten noch die Enkel und Urenkel zehren und genießen konnten.

Ungewiß wurde es noch einmal, als Napoleons Macht gebrochen war.  Wer war nun der Herr in Ostfriesland?  Wer war der Verpächter der Zollstelle? Galt der Pachtvertrag mit den hohen Pachtzinsen auch jetzt noch? Preußen versuchte, Ostfriesland  wieder an sich zu binden. Doch da war auch noch das Königreich Großbritannien mit Hannover, das seine Ansprüche anmeldete und das angrenzende Emsland und Ostfriesland laut Beschluss auf dem „Wiener Kongress“ bekam. Jetzt hatte Stickhausen nur noch eine Grenze, nämlich die nach der Grafschaft Oldenburg.

Die Burg Stickhausen hat eine lange Geschichte. Sie wird schon in der Hamburger Zeit ab 1433 erwähnt, war später mehrfach Stätte erbitterter Kämpfe, dann Amtssitz des Vogts und des Amtsrichters, einmal auch Gefängnis und heute Museum.

Hier nun einige Bilder von damals und heute.

Baujahr 1844, Amtsrichterwohnung bis 1885, danach Schule, Lehrerwohnung und Verwaltungsgebäude

Türklopfer des Amtsrichters

Zöllner Gerhard Nellner

Hatte sich Zolleinnehmer Nellner als Pächter der Zollstelle in den letzten Jahren recht gesund gestoßen, so war die Familie überglücklich, als Vater Nellner im Jahre 1817 die Weiterpacht von der „Königlich-Hannöverschen provisorisch bestätigten Landes-Direction Ostfriesland“ angetragen wurde. In seinem Heuerbrief über das Königliche Zollhaus wird eine Pachtsumme von 336 Reichstaler in Gold genannt. Gerhard Nellner, der vor zehn Jahren noch seinen Ruin befürchtete, wurde dadurch ein erfolgreicher Kaufmann.

Im Jahre 1818 regelte Preußen sein Grenzzollsystem mit einem ersten Zollgesetz. Hannover zog bald nach und erließ 1822 die „Principia generalia“ für die Zollstellen in Stickhausen und Potshausen. 1823 wurde in Hannover die neue Zollbehörde eingerichtet. Im Laufe der folgenden Monate entfielen die Binnenzölle, wie sie in Stickhausen bis dato erhoben wurden. Die Zollstelle war somit überflüssig und wurde aufgehoben. In Aurich entstand die Königliche Kreis-Zoll-Rezeptur, in Emden und Leer je eine Zollrezeptur. Stickhausen wurde am 20. September 1825 aufgefordert, das Zollregister zu schließen, verbrauchte Zollscheine und noch vorhandenes Druckmaterial sowie den Dienstsiegel nach Aurich zu senden. Zollschilder, Grenzpfähle ect.  sollten auf Anordnung der Königlichen Oberzolldirektion in Hannover abgenommen und vorläufig bis auf weiteres aufbewahrt werden.

Damit ging die Ära des Zolleinnehmers Gerhard Nellner in Stickhausen zu Ende. Arm war er gewesen, als er anfing. Reich war er, als er aufhörte. Nur dreißig Jahre zwischen den Zeiten, zwischen dem preußischen und dem hannöverschen Ostfriesland mit einer hohen napoleonischen Welle waren genug, um aus dem kleinen Zollpächter einen wohlhabenden Geschäftsmann zu machen.  

Weitere Links: Tergast   Insel   Presse   Briefmarken  Kochbuch   Meine Bücher   Handys, DSL etc.   Uwe

ENDLICH!     Es ist geschafft.

Diese Homepage ist nun auch als Buch mit dem Titel

ZOLL UND GRENZE IM WANDEL DER ZEIT  

erschienen. Es hat die ISBN Nr. 9783 8370 9550 0, hat 424 Seiten, davon 45 farbig

und kostet 32,80 €.

Zeitungen/Redaktionen bestellen ein kostenloses Exemplar bei www.bod.de/rezensionsexemplar

Sie können es in jeder deutschen Buchhandlung, auch im Internet, oder bei mir bestellen. 04924/9559800 FAX: 04924/95559801           E-Mail: jbtergast@t-online.de Sie erhalten das Buch dann innerhalb 2 - 3 Tagen vom Verlag und bezahlen die Rechnung bei mir.

Buchhandlungen bestellen bei www.libri.de mit Remissionsrecht

[Europas Zoll und Grenze] [Zum Geleit] [Inhalt/Quellen] [Von der Antike bis Napoleon] [Unruhen zwischen Ostfriesland und Münsterland] [Die Grenze nach Westen] [Der 30jährige Krieg] [Kleine Grenzgeschichten] [Die friesischen Schanzen] [Zollstationen im Mittelalter] [Handel und Wandel im Mittelalter] [14 neue Siedlungen] [Aufschwung und Niedergang] [Commiesen und Douanen] [von Accise bis Zoll] [Zwischen den Zeiten] [Landgewinnung und Grenzziehung] ["teutsche Palen"] [Auf eisernen Wegen] [Schlagbäume rücken zur Seite] [Hier die Not - dort das Brot] [Die Goldenen Jahre] [Das zweite deutsche Reich] [Zollgesetze, Zollvereordnungen, Tarife] [Vom Reichszoll über Bundeszoll bis EU-Zoll] [Zollorganisation] [Vorgeschobene Posten] [500 Jahre Emsüberwachung] [Waren die Zöllner alle Nazis?] [Das Moor erwacht] [Blutende Grenzen] [Zonengrenze] [Kavaliersdelikt] [Die treuen vierbeinigen Zöllner] [Die Polizei des Bundes - BSG] [Zoll und Grenzaufsicht - heute] [OPEN DE GRENS .... grenzenlos] [EUROPA in greifbarer Nähe] [Sponsoren gesucht] [Nachträge]

Diese Homepage wird gestaltet und verwaltet von Johann Beerens,  am Ehrenmal 1   26802 TERGAST,       Tel.: 04924/9559800  FAX: 04924/9559801  und E-Mail:  jbtergast@t-online.de                                           die letzte Änderung war am Ostern, 05. April  2010

Die Texte, Bilder und Grafiken dieser Website sind urheberrechtlich geschützt. Jede anderweitige Nutzung bedarf der vorherigen Genehmigung des Autors, in den meisten Fällen  Johann Beerens, am Ehrenmal 1,   26802 Tergast. Veröffentlichungen in Print- oder Funk-Medien nur gegen das entsprechende Honorar. Widerrechtliche Nutzung, auch auszugsweise, wird zivil- und strafrechtlich verfolgt. Hinweise darauf werden belohnt.

Sollte jemand urheberrechtliche Ansprüche auf Texte, Bilder oder Grafiken dieser Homepage haben, bitte ich um Anruf, damit die Angelegenheit geklärt wird: 04924/9559800, FAX: 04924/9559801  oder  jbtergast@t-online.de

Gewährleistungsausschluss! Die Informationen, die ich auf meinen Websites oder bei Ebay zur Verfügung stelle, unterliegen einer ständigen Kontrolle und werden laufend aktualisiert. Es ist jedoch  möglich, dass sich Daten trotz sorgfältigster Überprüfung inzwischen verändert haben. Aus diesem Grund übernehme ich keine Haftung oder Garantie hinsichtlich der Genauigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der auf diesen Seiten gegebenen Informationen. Dies gilt ebenfalls für alle Websites, auf die in diesem Auftritt per Hyperlink verwiesen wird. Ich hafte nicht für den Inhalt derartiger Seiten.

Johann Beerens Freier Journalist und Buchautor
Am Ehrenmal 1 26802 Moormerla nd-Tergast

Ich habe gestern mein Buch Nr. 124605 zum Druck freigegeben. Nun erscheint auf meinem Desktop im Hintergrun d das Cover des Buches groß, aber fast unlasbar. Das muss da wieder weg. Wie mache ich das?

Mit freundliche n Grüßen

Johanna Beerens, Tergast

jbtergast@t-online.de