OPEN DE GRENS .... grenzenlos

Auf dem Weg nach EUROPA - Zoll und Grenze im Wandel der Zeit

Öffnet die Grenze - kommt dichter bi                                        

Das war ein Fest!!! Der Hasselberg stand in Flammen. Die Deutschen und die Niederländer lagen sich in den Armen. Endlich war es so weit, endlich sollte die Grenze geöffnet werden, endlich sollten die Menschen von hüben und drüben ohne Zoll und Grenzen hin- und herüber dürfen. Das war am 23. und 24. Oktober 1964.
Der schreckliche Krieg, der befreundete Völker wie die Deutschen und die Niederländer getrennt und verfeindet hatte, war noch nicht ganz zehn Jahre zu Ende, als die Grenzbewohner sich wieder näherten - in Freundschaft, in Brüderlichkeit, in Vergessen und Vergeben. Das konnte auch nicht von der niederländischen bürokratischen Kleinigkeitskrämerei in DenHaag verhindert werden. Diese Dames en Herres waren weit weg und konnten sich noch nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass die Grenzbevölkerung eigentlich keinen Hass gegeneinander hatten. Vielleicht konnten sie aber auch nicht ihre Enttäuschung überwinden, dass ihre Gebietsansprüche an Deutschland nicht in Erfüllung gegangen waren.
Eigentlich waren sie ja früher ein Volk gewesen. Das niederländische Westerwolde gehörte wie auch das Emsland zum Bistum Münster.  Der Ort Sellingen, nur 2 km von der Grenze entfernt, hatte erst vor fünf Jahren sein 1.100 jähriges Bestehen gefeiert und war dabei auch auf die geschichtliche Bedeutung seiner Zugehörigkeit zum Münsterland gestoßen. Die Besitzungen gehörten einst dem Kloster Corvey, also auch von da eng mit dem östlichen Nachbarn verbunden. Als reines Bauerndorf hat sich Sellingen großflächig entwickelt und vermittelt mancherorts den Charakter einer Kleinstadt.

ZAss Günter Grünwald mit Hund an der Grenze. Die Straße nach Sellingen wird gebaut. rechts: der Findling wurde beim Straßenbau am Hasselberg gefunden und steht irgendwo in Sellingen.

Wie peinlich mag das den Beamten der niederländischen Passbehörde gewesen sein, als sie am Eröffnungsabend des „Verbrüderungsfestes“ die Delegation  aus dem Landkreis Aschendorf-Hümmling mit MdL August Löning aus Lathen, Oberkreisdirektor Dr. Hans Tiedeken und Landrat Buchholz vom Landkreis Aschendorf-Hümmling, den Bürgermeistern aus Walchum und Dersum und einigen Abgeordneten „aufs schärfste kontrollieren“ mussten. Sie taten es sichtbar mit Unbehagen und mussten so nebenbei noch Verhöhnungen des umstehenden Volkes, vor allem der Sellinger, hinnehmen. Erst als diese Prozedur beendet war, konnte das Festkomitee aus Sellingen und Vlagtwedde die deutschen „hohen“ Gäste auf niederländischem Boden begrüßen, nicht ohne sich für diese „Gastunfreundlichkeit“ zu entschuldigen. Ein historischer Schritt fürwahr - und ein Vorreiter für die Zusammenarbeit und Freundschaft in späteren Jahren.

Strenge Grenzkontrollen waren angeordnet. v.l.n.r.: ein niederländischer Marechaussee-Beamter, Landrat Buchholz, Bürgermeister Steinkamp, ein Gemeindevertreter, ein Grenzbeamter. Rechtes Bild: MdL August Löning mit Zigarre.

Weiter sollte es gehen zum großen Fest im Saale Kuhr in Walchum-Siedlung. Die Beamten des Marechausse ließen nur die Inhaber des kleinen Grenzausweises durch, das waren nur wenige. Viele nahmen den Weg über die „grüne Grenze“ gleich nebenan, wobei einige noch ein kühles Bad im Walchumer Schloot nahmen. Doch dann wurde das Verbrüderungsfest doch noch ein voller Erfolg, das am nächsten Tag mit spotlichen Spielen und vielen Extras in Sellingen fortgesetzt wurde. Und es war nicht ein Fest nur für zwei Tage! Freundschaften entwickelten sich, und es wurden sogar familiäre Bande geknüpft.
Aber Öffnung der Grenze beim Hasselberg? Der erste Hammer kam wieder aus DenHaag  von der königlich niederländischen Regierung. Der Staatssecretaris va den Berge ließ in einem Zeitungsarikel verlauten: „Streekbelang weegt niet up tegen kosten - vorlopig geen grensovergang bij Hasseberg te Sellingen“.  Aber auch die deutschen Stellen hatten dem Bürgermeister von Vlagtwedde, Mynheer M. Loopstra mitgeteilt, weil ein Grenzübergang - er hätte ja noch zollrechtlich,  paßrechtlich und grenzpolizeirechtlich abgesichert werden  müssen - wegen des geringen Verkehrsaufkommens vorläufig nicht zu machen sei. Aber eines war doch hängengeblieben: die Grenzbewohner konnten ohne „officiele doorlaatpost“ den Übergang passieren.

Der Walchumer Schloot

Im Hotel Homan in Sellingen wurde zunächst die neue Straße von Sellingen zum Hasselberg, die Voraussetzung für einen Grenzübergang, feierlich der Gemeindeverwaltung übergeben. Diese Straße stellt jetzt  - erst nach der Grenzöffnung 1993 - eine feste Verbindung zwischen Vlagtwedde/Sellingen und Dersum/Walchum/Dörpen her. In seiner Begrüßung meinte Mynheer Brüning vom VVV= Fremdenverkehrsverein Sellingen, dass nun endlich die Möglichkeit zum schnellen Hin und Herr bestehe. In den weiteren Grußbotschaften von beiden Seiten kam immer wieder zum Ausdruck, dass man sich nun bald die Öffnung der Grenze wünsche.
Dann zog die Versammlung zur Grenze. Der Hasselberg brannte - ein riesiges Feuerwerk strahlte die Freude über die Verbrüderung aus und forderte in seinem Schlußbild: OPEN DE GRENS

Weg frei nach Sellingen. rechts: Jugoslavische Kinder am Grenzstein auf dem Hasselberg - Europa wächst zusammen.

Gemeinsamer Dienst der Polizei

Es sollten noch 2o Jahre vergehen, bis die Grenzsperren am Hasselberg beseitigt wurden. Anfang der achtziger Jahre konnten die Fußgänger und Fietsers = Radfahrer frei die „Hekken“ = bewegliche Zäune umfahren. Und am 01. April 1990 gab es noch einmal ein Fest am Hasselberg, das wieder mit einem Wettkampf begann: an niederländischer Seite stand das Auto des Vlagtweddes Bürgermeisters H.A. Euverink und an deutscher Seite des Auto des Niedersächsischen Justizministers Walter Remmers. Beide waren durch ein Tau verbunden, das an den Hekken befestigt war. Dieses Tauziehen über die Grenze ging zugunsten der Niederländer aus - und zugunsten der ganzen Bevölkerung an beiden Seiten - die Hekken waren weggezogen, der Grenzübergang auch für den Kraftfahrverkehr geöffnet. Die Bürgermeister Bernd Steinkamp aus Dörpen und H.A.Euverink aus Vlagtwedde tauschten Geschenke aus - tausende von Menschen feierten die offene Grenze  - DE OPEN GRENS - am Hasselberg.
Bild: Open Grens
Anfang der achtziger Jahre traten an vielen Stellen allgemeine Erleichterungen für die Bewohner der Grenzgemeinden ein. Allen EG-Staatsangehörigen wurde die Benutzung der Grenzübergänge in ihren Gemeinden außerhalb der Verkehrsstunden erlaubt. Es kam rasch zur Einrichtung von Wanderwegen über die Grenze: Emlichheim - Laar; Nordhorn -Ootmarschen; Eschebrügge - Coeverden; Grasdorf - Brecklenkamp; Hesingen - Halle; Hahnentange/Rütenbrock; Bentheim - EURegiOPAd; Wilmsbrücke; Alminbrücke; Hebelermeer; Balderhaar; Wielerweg; Pekelbrücke und
B U N D E: „Der gemeinsame Rad- und Fußweg zwischen Bunde und Neuschanz ist das bisher sichtbarste Zeichen der engen Zusammenarbeit zwischen den beiden Gemeinden“ bekundeten am 04.Juni 1983 in einer gemeinsamen Erklärung Chris Arlman als Burgemeester der Gemeente Nieuweschans, Geerd Bracht als Bürgermeister und Wilfried Boelsen als Gemeindedirektor der Gemeinde Bunde. Anlass war die Eröffnung eines Rad- und Fußweges von Bunde nach Neuschanz und der Einweihung einer Brücke über den Wymeerstes Sieltief bei Grenzstein 196II, die als „Brücke zum Nachbarn“ und „Brug naar onze Oosterburen“ bezeichnet wurde und im Volksmund nur noch „Naobersbrug“ genannt wird.

 Noabersbrügg mit Grenzstein

Leider musste die Partnerschaft 1989 wegen der Gebietsreform in den Niederlanden zwangsweise aufgegeben werden. „Wir stehen am Ende einer Ehe,“ sagte Bürgermeister Geerd Bracht, „sollten aber am Anfang einer neuen Beziehung stehen, denn was wir hier erarbeitet haben, kann und darf nicht durch einen Verwaltungsakt zu Ende gehen.“
Eines stellt „auf dem Weg nach EUROPA“ immer noch ein UNIKUM dar: die Deutsche Bundespost (Stand etwa 1985). Soll z.B. ein Brief von Bunde nach Neuschanz - Entfernung 6 km - befördert werden, so macht dieser eine Reise von 715 km (siebenhundertfünfzehn Kilometer). Da geht es erst von Bunde per Pkw oder Lkw über Leer nach Oldenburg, von dort mit dem Zug nach Oberhausen, wieder mit dem Auto über die Grenze nach Arnheim, von dort mit dem Zug über Utrecht nach Groningen und dort schließlich per LkW nach Neuschanz. Kein Wunder, wenn die Post AG ihre Briefkästen schon vormittags zum letzten Mal leert und die Schalter am frühen Nachmittag keine Briefe, Pakete und andere Postsendungen für den nächsten Tag mehr annehmen. Da sollte doch mal ein „Monopolbrecher“ versuchen, per Fahrrad die Post von Bunde nach Neuschanz zu bringen.

Der Weg zu dieser Gemeinsamkeit und dem sichtbaren Zeichen war landwirrig und dornenreich.Es war auf der ersten Grenzlandwoche 1979, als sich Verwaltungsausschüsse der Gemeinden Neuschanz, Rhede, Bellingwolde, Bunde und Wymeer zu einer gemeinschaftlichen Sitzung trafen. Dort wurde dann die Idee eines Wanderweges geboren. Ein Planungsentwurf wurde schon 1980 vorgelegt. Schwierigkeiten bereitete die Genehmigung zum Grenzübertritt außerhalb eines Zollamtes. Viele Politiker, darunter EUROPA-Parlamentarier, Bundestags- und Landtagsabgeordnete bemühten sich um eine Genehmigung. Doch erst nach einem persönlichen Gespräch von Bürgermeister Geerd Bracht und dem stellvertretenden Gemeindedirektor van Hoorn mit dem parlamentarischen Staatssekretär Karl Müser in Bonn, an dem auch ein Vertreter des Innenministeriums - er hatte vorher verlauten lassen, dass ein solcher Grenzübergang nicht vertretbar sei - wurden alle Bedenken ausgeräumt.
Inzwischen war man in Bunde und Neuschanz nicht untätig gewesen. Es wurde eine sichere Finanzierung aufgebaut, es wurden einige Trassenvorschläge geprüft, schließlich die Bauarbeiten - nachdem die Genehmigungen 1983 vorlagen - vergeben. Es entstand ein 3,7 km langer Fuß- und Radweg von Bunde nach Neuschanz mit einer Klappbrücke über den Wymeerster Sieltief. Diese ist 22 m lang und 2 m breit, der Klappteil mißt 6,15 m. Drei Rastplätze, ein Grillplatz und zahlreiche Ruhebänke sowie eine ausgesuchte Bepflanzung säumen den Weg. Die offizielle Einweihung fand auf der III. Grenzlandwoche statt.
Bild:  zur Grenze
Eine offizielle Partnerschaft zwischen den beiden Gemeinden Bunde und Neuschanz wurde am 15. April 1986 besiegelt. Es entwickelte sich eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit vielen Aktivitäten verschiedener Gruppen, Vereine und Verbände. Alle zwei Jahre findet die Grenzlandwoche statt. Gemeinsam wurde auch das Kurzentrum in Neuschanz und die Entwicklung des Kurortes Neuschanz/Bunde entwickelt.

da oder da gehts lang

Endlich freie Fahrt: ehemaliges Grenzzollamt Bunderneuland

„DICHT-ERBIJ“ - dichter zusammen kamen sich auch die Gemeinden Rhede und Bellingwolde. Am 25. Juli 1979, genau um 14.58 Uhr, schlossen die beiden eine Ehe, eine Partnerschaft. Viele Gespräche und Diskussionen waren vorausgegangen. Es wra ja in Rhede nach dem Kriegsende viel Böses geschehen, die Niederländer wollten damals sogar Rhede „einnehmen“. Zum Glück gab es die Briten, die Blutvergießen verhinderten. - All das war vergessen, eine neue Verbindung wurde geschaffen, eine neue Freundschaft aufgebaut. Das drückt sich in der Bestätigungsurkunde wie folgt aus: „Aufgabe und Inhalt dieser Partnerschaft ist insbesondere die Förderung der Freundschaft und der Nachbarschaft über die nationalen Grenzen hinweg und die Pflege persönlicher Beziehungen zwischen den Bürgern unserer Gemeinden.“
Bild:  Rhede / Bellingwolde
Zehn Jahre nach dieser Vereinbarung wurde Jubiläum gefeiert. Inzwischen hatte sich echt viel getan. Die Vereine hatte sich gegenseitig besucht und arbeiteten eng zusammen. Die Schulen versuchten ein gemeinsames Projekt. „We kunnen dus constateren, dat in deeze 10 jaaren de contacten zijn aangehaald, dat we elkaar beter hebben leren kennen, leren waarderen en dat vriendschapsbanden zijn gegroed.“ sagte der Bürgermeister von Bellingwolde, Mijnheer drs. E. Drenth.
Am 14. Februar 1989 wurde in dem Buch der Partnerschaft zwischen den Gemeinden Bellingwolde und Rhede ein neues Kapitel der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit aufgeschlagen. Die beiden Schulen, nämlich die Ludgerusschule (Grund- und Hauptschule mit Orientierungsstufe) in Rhede und die Martin-Luther-King Scholl MAVO in Bellingwolde begannen ein einmaliges Projekt. Einmal in der Woche tauschen seitdem die Schulen zwei ihrer Lehrkräfte aus. Die deutsche Lehrkraft gibt in Bellingwolde Deutschunterricht und die niederländische Lehrkraft versucht den Kindern in Rhede „Nedderlandsch“ beizubringen. Es klappt und fördet nicht nur das Sprachenverständnis, sondern auch die Freundschaft über Grenzen hinweg.
Die Gründe für diesen Modellversuch lagen auf der Hand: durch Vermittlung der Sprache des Grenznachbarn soll mehr Verständnis füreinander angestrebt werden; im Zuge größerer politischer Dimensionen ist die Beherrschung der anderen Sprache ein wichtiges Vehikel der Kommunikation; ab 1993 wurde in EUROPA größere Freizügigkeit geboten. Auf der Suche nach einem Arbeitsplatz wird die Sprachkompentenz dabei nicht unbedeutend sein; als Grenzbewohner sollte man die Sprache des Partners verstehen und sprechen können.
Es blieb nicht bei dem Hin und Her der Lehrer und den wöchentlichen Unterrichtsstunden. Bald wurden von den Klassen Besuche und Gegenbesuche gemacht, es wurden gemeinsame Fahrten und Freizeiten unternommen. Es gab viel Spiel und Spaß und Freude. Und auch die Lehrerkollegien kamen sich näher bei gemeinsamen Konferenzen und in gemütlichen Runden. Initiativ wirken dabei vor allem die beiden Schulleiter, Rektor Hermann Wilkens von der Ludgerusschule und Directeur Schulting von der MAVO.

Volleymannschaften der Lehrer aus Bellingwolde und Rhede trafen sich regelmäßig,  rechts: die Schüler jubeln

In der OLLE WITTE SCHOAL treffen sich die Lehrer von hüben und drüben

Fröhliches Tun und gemeinschaftliches Arbeiten können „grenzenlos“ sein und ohne Sprachverwirrung  stattfinden. Inzwischen sind die ersten Deutsch- und Niederländisch-Schüler „erwachsen“ - das private Miteinander über die Grenze ist für sie kein Sprachproblem mehr. So haben diese beiden Schulen ihren Beitrag geleistet „auf dem Weg nach EUROPA“.
Es stehen zwei Eichen auf der Grenze zwischen Rhede und Bellingwolde. Sie wurden anläßlich der Grenzöffnung am ersten Januar 1993 von den beiden Bürgermeistern der Gemeinden unter Beteiligung viele Gemeindemitglieder gepflanzt. Wenn sie einige hundert Jahre alt werden, mögen sie erzählen, daß hier einst eine Grenze war, daß hier einst zwei verschiedene Völker lebten, und daß hier ein entscheidender Schritt „auf dem Weg nach EUROPA“ getan wurde.
Bild:  Zwei Eichen
„DICHTER BI“ = näher beisammen.
Das ist in den letzten Jahren nach der Grenzöffnung immer mehr praktiziert worden. Vielen Kommunen arbeiten grenzüberschreitend zusammen. Die Polizei sucht nach Mittel und Wegen, um die Kriminalität diesseits und jenseits der Grenze in den Griff zu bekommen. Vereine und Verbände gestalten und veranstalten gemeinsame Projekte. Die Menschen hüben und drüben kommen sich näher, kommen „dichter bi“.

Siel Neustaatensiel geöffnet zum Dollart

Auf der Grenze zwischen Rhede und Bellingwolde wurde diese Eiche von den damaigen Bürgermeistern gepflanzt, ein Zeichen der Freundschaft und des Zusammenwerkens.

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