Kleine Grenzgeschichten

Auf dem Weg nach EUROPA - Zoll und Grenze im Wandel der Zeit

Wie du mir so ich dir

Wenn in unserer Zeit jemand Streit mit seinem Nachbar hat und diesen nicht gütlich beilegen kann, geht er zum Rechtsanwalt oder gar Gericht, um die Sache rechtlich zu klären. In den seltesten Fällen werden die Kontrahenten handgreiflich. Anders im Mittelalter. Da galt das Faustrecht - nicht nur bei nichtigen privaten Anlässen, sondern auch zwischen Bauernschaften, Dörfern und Siedlungen.. Heute betrachtet, wären  auch diese Meinungsverschiedenheiten sehr schnell durch Verhandlungen erledigt gewesen - doch die Hitzköpfe von damals griffen schon mal schnell zur Forke und Sense. Wenn dann die ganze Nachbarschaft dahinter stand, gab es oft genug blutige Gefechte auf Acker und Wiese.  Dabei ging es meistens um Nichtigkeiten, aber auch um Hab und Gut und auch schon mal um Festlegung der Grenzen.

Im Jahre 1532 war die Grenze zwischen dem Stift Osnabrück, der Grafschaft Lingen und dem Niederstift Münster durch Steine festgelegt worden.  Das konnten ältere Augenzeugen auch 100 Jahre später bezeugen, obgleich die Steine selbst verschwunden waren. Ende des Dreißigjährigen Krieges versuchte der schwedische General Königsmark etwas Land zu gewinnen und stellte den Grenzpfahl vom 'Heiligen Berg' zwischen Geeste und Biene kurzerhand ca. 380 m auf  münstersches Gebiet. Der Drost des Emslandes von Velen ließ den Pfahl mit einer starken Mannschaft wieder auf den 'Heiligen Berg' aufstellen. Nun kamen die Biener und schleuderten den Pfahl weit auf Geester Gebiet.

In den nächsten Jahren und Jahrzehnten entspannen sich immer wieder Streitigkeiten zwischen Geester und Biener.  Im Jahre 1705  zogen 500 Meppener zu Hilfe und zerstörten bei Bawinkel die aufgeschütteten Grenzwälle... Das glühende Feuer der Zwietracht loderte 1772, nachdem auch in der Zwischenzeit immer wieder Einzelfälle vorkamen, zu hellen Flammen auf. Die Biener waren fast 1.000 m auf Geester Gebiet vorgerückt, um dort Soden und Plaggen zu stechen. Weil seitens der Regierung keine Unterstützung erfolgte, kam es am 05. Juni 1783 zum offenen Kampf. Der Frohnde Mucke versuchte zwar noch, die Hitzköpfe zu beschwichtigen, doch das Zornesblut kochte so sehr, dass der Verstand in die Muskeln rutschte.

Die Sensen waren geschärft, die Forken angespitzt. Es klapperten die Dreschflegel und Spaten - 40 Geester gegen 40 Biener. Auf einer offenen Wiese ohne Deckung und Schutz dauerte der Kampf recht lange. Mal war diese, mal war jene Partei im Vorteil. Doch schließlich hatten die Biener so viele Verwundte, dass sie aufgeben mussten. Bei den Geestern waren nur die Bauern Lübbers und Schwieters blessiert. Am nächsten Tag wollten die Verlierer Revanche.. Sie forderten den Frohnde Mucke auf, innerhalb von zwei Stunden Art und Ort des Kampfes festzulegen. Es sollte sogar mit Schießgewehren gekämpft werden.

Auf dem Schlachtfeld erschienen um neun Uhr die beiden Vorsteher der Ortschaften, die Frohnden Iben und Mucke, sowie der Richter Helter. Sie wollten eine erneute Fehde vermeiden. Doch die Biener, durch ihre Niederlage vom Vortage sehr gedehmütigt, eilten waffenklirrend herbei, störten die Unterhandlungen und nahmen die beiden Frohnden gefangen. Diese wurden erst abends wieder auf freien Fuß gesetzt. Ob am Tage noch ein Kampf stattgefunden hatte, wird nicht berichtet

Es gab auch in den folgenden Jahren Scharmützel und Plackereien zwischen den verfeindeten Ortschaften, die mit Worten und Drohungen mehr als mit Feder und Faust ausgetragen wurden. Die genaue Grenzlinie aber war immer noch nicht vereinbart. So brachen die Feindseligkeiten neun Jahre später wieder aus, noch kampfeslustiger und grimmiger als zuvor. Die Biener erklärten den 'Krieg', und weil die Geester sich nichts gefallen ließen,, zogen die Männer der Orte am 04. Juni 1792 erneut aufs Schlachtfeld. Mit 100 Leuten hatten die Biener jetzt einen Vorteil gegen 70 Geester. Eisenbeschlagene Knüppel waren als Waffen vereinbart, dicke Filzhüte schirmten das Haupt.Vor dem Kampf hieß es noch 'Hut ab zum Gebet'. Alsdann brach das Kriegsgeschrei los. Die Biener hatten geordnete Kampfreihen aufgestellt, die Geester standen solch' Ungetüm zerstreut entgegen. So errangen die Biener schnell den erhofften Sieg. Als Trophäe schwenkten sie den mit zwei eisernen Reifen versehenen Hut des tapferen Lübbers. Wie schon neun Jahre zuvor waren auch dieses Mal Lübbers und Schwieters schwer verwundet, so dass sie „als tot“ vom Schlachtfeld getragen wurden. Der Arzt Vagedes und der Chirurg Fierdag sorgten allerdings für ihre Genesung.

Erst nach der napoleonischen Zeit  kamen die Streithähne zur Ruhe.  Am 07. Oktober 1825 wurde im Zuge der Grenzziehungen an der Westgrenze auch die Grenze zwischen Biene und Geeste berichtigt und endgültig kartographisch festgelegt.

Zu einem Streit mit „tödlichem“ Ausgang kam es 1802  an dem kleinen Grenzflus AA zwischen den Einwohnern von Hesepe im Niederstift Münster und denen von Scheerhorn in der Grafschaft Bentheim. Hier ging es um Vieh, das wieder einmal auf fremder Weide Futter suchte. Die Scheerdorfer hatten Vieh, das in der Umken Mathe weidete, weggeführt. Es heißt in der Akte: „..... die Münsterschen Adörfer zu Hülfe gerufen, wobey unglücklicher Weise einer der münsterschen Colonisten auf den Süwering zu Scheerhorn mit einem Gewehr geschossen und ihn tödlich verwundet hätte....“  Nach dem ersten Schock stand der tödlich verwundete Süwering jedoch wieder auf, seine Verwundung war nicht alzu schlimm geworden. In diesem Zusammenhang muss auch auf einen Grenzpfahl hingewiesen werden, der schon 1721 als „Ringer Pfahl“ an der Südwestspitze der Umken Mathe erwähnt wird und 1993 von Heimatfreunden wieder „errichtet“ wurde.

Bild  Ringer pfahl

Zwischen Diele und Brual gab es ebenfalls viele Streitereien wegen der Grenze. Über die Bedeutung der Dieler Schanzen wird später noch berichtet werden.  Schon im 15. Jahrhundert waren sich die Dörfler zwischen Münsterland und Ostfriesland/Rheiderland nicht einig.  Hier kam es immer wieder zu Handgreiflichkeiten, wobei allerdings keine offenen Schlachten bekannt sind. Meistens ging es um wertlose Grenzstriche. Land war eben auch damals schon lebenswichtig für die Landwirte.

Nun meinten beide Parteien, dass die Flurstücke Halenberg und Remetsberg jeweils auf ihrem Territorium gelegen seien. Es gab zunächst Briefwechsel darüber zwischen Graf Ulrich von Ostfriesland und Bischof Johann von Münster. Auch trafen sich Delegationen zu Ortsbesichtigungen und palaverten in Konverenzen über für und wider.  Endlich kam es 1463 im Sommer zu einer Einigung (Urkunde bei Beninga):  die Grenze sollte sein  wie sie ehedem gewesen. Halenberg und Remetsberg gehören also den Ostfriesen. Den Brualern wird die freie Benutzung des Grünlandes in der Dielermark zuerkannt, allerdings nur, wenn sie ihr Eigentum durch Kaufbriefe oder Eide nachweisen können. Beiden Parteien wird geboten, Frieden und Achtung der Grenze zu halten.  An der Verhandlung nahmen teil: Wessel tor Mollen, Rentmeister und Amtmann im Emsland; Coop von Heede, Richter zu Nienhues; Johann Cloot, Richter  zu Duite; Heinrich Schaden von Alden; Hayo von der Papenborch als Propst von Leer; andere Zeugen: Pfarrer Fockens von Stapelmoor, Pfarrer Everhard tor Mollen von Steinbild; Pfarrer Hermann Watermann zu Rhede; die Vikare Johann zu Stapelmoor, Hermann zu Weener und Bruno zu Bollingerfähr; alle Bauern aus Diele und Brual - und viele andere gute Leute, Deutsche und Friesen. ( die Rheiderländer wurden damals  zwar als „Friesen“ bezeichnet, gehörten nach dem Lehnsbrief des Kaisers an das Grafenhaus in Aurich aber noch nicht offiziell zu Ostfriesland - erst 1600).

In weiteren Zeugenaussagen aus den Jahren 1556 und 1572 wird bekundet, dass die Brualer  ihr Vieh bis an die „Wringen“ von Diele haben treiben dürfen. Einmal im Jahr sei dann die Jugend  aus Diele gekommen und habe ein Gelage Bier dafür bekommen. In einer Urkunde vom 16. Mai 1573 wird der Vertrag zwischen Diele und Brual noch einmal bekräftigt, wobei die Brualer als Schüttgeld einen Krummstert für ein Stück Vieh bezahlen müssen. Verhandelt wurde damals in Rhede mit Hermann von Vehlen, Marschal und Drost im Emsland und dem  Schreiber Diedrich Harderwiek von Leerort. Der Grenzvergleich kam aber leider nicht zustande, auch wenn der fürstliche Richter Georg Moeve mit den Schöffen Jürgen Brandlicht und Werner Eissing aus Aschendorf sich darum bemühten. Der Amtmann von Leer, Diedrich Harderwiek, hatte sogar die Unverschämtheit, einen Deliquenten namens Hans von Damme unter starker Bewachung nach Brual zu bringen und dort am 27. Juni 1576 „rädern“ zu lassen. Die Münsteraner waren darüber sehr erbost, zumal damit ihr Gebiet höchst frech verhöhnt worden war. Sie schafften den Pfahl, das Rad und die Leiche bis vor die ersten Häuser von Diele.

Danach wurde der Grenzstreit zwischen den beiden feindlichen Dörfern zum Teil sehr hart und erbittert. Sogar Leichen, am Dieler Deich gefunden und in Stapelmoor begraben, sollten neben den bisher ausgehandelten Abmachungen den Verlauf der Grenze nachweisen. Der 30jährige Krieg kam dazwischen, in dem ohnehin alles grenzenlos zuging. 1658 flammten die Zwistigkeiten wieder auf. Mehr noch als vorher - die Eingeborenen stahlen sich gegenseitig das Vieh von der Weide. Wurde jemand dabei erwischt, misshandelten die Kuhhirten die Räuber oft bis zum Tode. Auch als 1704 Münsteraner, Ostfriesen und Groninger das Dorf BRUAL als Grenzknotenpunkt anerkannten, wurde der 'Kleinkrieg' nicht besser. Selbst eine Karte, die 1727 von Beamten des Bischofs von Münster angefertigt worden war, legte die örtlichen Streitigkeiten nicht bei.

1736 versuchten es die beiderseitigen Bevollmächtigten noch einmal auf Schloß Altenkamp in Aschendorf.  Neun Tage dauerte die Konferenz, vom 05.  bis 13. November.  Die Abgeordneten verzehrten 165 Thaler - und gingen auseinander, ohne eine Lösung des Konfliktes gefunden zu haben.

Erst als in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts - kurz vor dem zweiten Weltkrieg - der Brualer Schloot vom Reichsarbeitsdienst gegraben wurde, war auch der Streit beendet. Dieser Graben, eigentlich zur Entwässerung des Brualer Moores gebaut, bildet gleichzeitig die offizielle Grenze zwischen den beiden Dörfern. An rheiderländischer Seite wird immer noch 'argwöhnisch' von den Münsterländern und dort von den Friesen gesprochen, obgleich vor allem die Jugend schon längst keine Feindschaft mehr kennt. Eine Grenze aber gibt es hier immer noch - die Religionsgrenze, denn Diele ist evangelisch-reformiert und Brual römisch-katholisch.

Dass Weideland, Weidegras und Wiesenflächen sehr kostspielig waren, beweist ein Ereignis aus dem Jahre 1699, wobei gleich zu Anfang gesagt werden muss, dass auch anderenorts solche Vorkommnisse nicht unbekannt sind. Die EMS floss damals noch durch ihr altes Bett zwischen Nenndorf an der münsterschen und Vellage an der rheiderländischen Seite. Der ca. 80 m breite Fluß war tideabhängig, quoll bei Hochwasser schon mal über die Ufer und, wenn noch das Schmelzwasser aus den Quellgebieten  imTeutoburger Wald das Emstal erreichte, bedrohte die Ems, jetzt zum mächtigen Strom angewachsen, die Deiche, die das Land schützen sollten.

Die Nenndorfer holten sich nach Zeugenaussagen schon seit Jahren die erforderlichen Grassoden zum Befestigen und Ausbessern des Deiches von der Westseite der Ems, nämlich von den Weiden und Wiesen der Vellager Bauern.  Diese wollten sich jedoch den „Raub“ nicht mehr gefallen lassen und beklagten sich bei dem Drost von Velen, Herr der Herrlichkeit Papenburg, ob solches Tun. Beim Fürsten von Ostfriesland, Christian Eberhard, erwirkten sie eine Verfügung, wonach sie die Nenndorfer von ihrem Grund und Boden verweisen dürften.

Wieder einmal, also im Sommer 1699, waren die Nenndorfer mit ihren Booten an das linksemsische Ufer gelandet und hatten ihre Kähne voll mit Soden und Klei beladen, um damit ihren Deich reparieren zu können. Der Vogt Claesen aus Weener kam nun mit dem Dorfankündiger und den Vellager Bauern, um in aller 'Bescheidenheit', friedfertig wie die Vellager nun mal sind, um mit den Nachbarn „van't Güntsied“ zu verhandeln. Der Vogt verlas dabei die Verfügung der ostfriesisch-fürstlichen Regierung und bat, die Soden wieder an Land zu bringen.  Immerhin müsse das Weideland für sechsundzwanzig Kühe reichen.

Die Bitte hatte keinen Erfolg. Im Gegenteil, die Nenndorfer kamen mit Bootshaken  und Forken und verhinderten damit das Betreten ihrer Schiffe. Ein großer Kerl packte den Vogt und warf ihn in die Ems, der Auskündiger und die Vellager Bauern wurden verprügelt und in die Flucht geschlagen.

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Johann Beerens Freier Journalist und Buchautor
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Ich habe gestern mein Buch Nr. 124605 zum Druck freigegeben. Nun erscheint auf meinem Desktop im Hintergrun d das Cover des Buches groß, aber fast unlasbar. Das muss da wieder weg. Wie mache ich das?

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Johanna Beerens, Tergast

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