Kavaliersdelikt

Auf dem Weg nach EUROPA - Zoll und Grenze im Wandel der Zeit

Kavaliersdelikt  oder Strafbare  Handlung?

Schmuggel gibt es wohl schon so lange, wie es auch den Zoll gibt - oder sollte man lieber sagen: ohne Schmuggel gäbe es auch keinen Zoll? Vielleicht ist etwas dran.

Das Wort „schmuggeln“ kommt von dem englischen Wort „to smuggle“, was ursprünglich „sich ducken“ bedeutet. Es ist auch verwandt mit dem norwegischen „smokla“ = lauern, sich versteckt halten und dem mittelhochdeutschen „smüken“ = hineindrücken, schmiegen. Im plattdeutschen könnte „smuggeln“ von „Smuu“ = unlauterer Gewinn abgeleitet sein. 'He hett v'nacht 'n goode Smuu maakt'. Auch das Wort Contrebande = dem Gesetz zuwider, und „contrebande Ware“ = mit Ein- oder Ausfuhrverbot belegte Waren kennt der Ostfriese mit dem Wort „Kunterbande“. Der Schmuggler heißt auch „Kunterbandedrager“.

Das Verbringen von Waren über die Grenze unter Verletzung der Zollvorschriften wird als Zollbetrug, Zolldefraudation oder Zollhinterziehung bezeichnet. Schmuggler werden auch Contrebandiers, Smuggler, Schwärzer und Einschwärzer genannt. Schmuggler, die zugleich Eigentümer der Contrebande (Banngut, Bannware) sind, heißen Schleichhändler. Defraudation (lat.: defraudatio) ist Verheimlichung, falsche Angabe oder Unterschlagung  dem Zoll unterworfenen Gegenständen. Während man im Zollstrafrecht im frühen Mittelalter von „Verfahren des Zolls“ = Verführen, Überfahren, Umfahren des Zolls, Zollumfahrung usw.sprach, hieß es im 16. Jahrhundert „ Konterbande“ oder „Schwärzen“ und seit dem 18./19. Jahrhundert erst wirklich „Schmuggel“. Im Zollgesetz von 1869 werden die Ausdrücke „Conterbande“ und „Defraudation“ benutzt. In der Chur-Märkischen-Amts-Cammer in Berlin heißt es am 17. Februar 1717 „Zollbetrug oder Zoll-Defraudation begreift alle diejenigen listigen Ränke und Kunst-Griffe unter sich, wodurch die öffentlich angelegten Zölle von den Fuhrleuten und anderen Personen mit Verfahrung der Zollstraße , oder mit Verschweigung und Unterschlagung der zollbaren Güter und Waaren hintergangen und geschmälert werden  ... also wird ein jeder Zollbedienter hiermit ernstlich angewiesen und befehligt, nicht allein die im Zoll sich angebenden Kauff- und Fuhrleute mit freundlichen Ermahnungen zu erinnern, richtige Angaben des Zolls zu thun, sondern auch allemal nachsehen und examinieren zu lassen, ob auch die Verzollung nach diesen angegebenen Waaren oder Sachen richtig gegeben seye ....“

Die Strafe für eine Defraudation war sehr hoch. Wenn ein Contrebandier die ihm zuerkannte Geldstrafe nicht beibringen konnte, wurde er z.B. für jedes Stück Seide mit einjähriger Festungs-Hausvoegtey oder sogar Zuchthaus bestraft. Auch Tabakschmuggel über 200 Reichsthaler wurde geahndet.  Gnade vor Recht erging an Bauern und sonstigen  Schmugglern niedrigen Standes, die unter 20 Reichsthaler schmuggelten.  Den Denunzianten wurde ein Drittheil der Geldstrafe und ein Dritttheil der beschlagnahmten Ware gegeben.

Schmuggler werden auch heute noch in drei Gruppen eingeteilt, wobei in jedem Fall Einzeltäter und Banden auftreten können. Vor allem in Notzeiten, wie in der Inflationszeit um 1923 oder der „Kluttenzeit“ = Nachkriegszeit 1945 bis 1948 war das Schmuggeln für viele Menschen lebensnotwendig.  Es gab für das gemeine Volk nicht genug zum Beißen, so dass man den Überfluss des Nachbarstaates - bei uns waren das die  Niederlande - ausnutzte und Waren für den Lebensunterhalt beschaffte. Auch nutzen Niedrigverdiener diese Möglichkeit aus, um Waren einzuschwärzen, die drüben billiger waren. Während der Kontinentalsperre traten gut organisierte Banden auf, die die Waren von Helgoland durch das ostfriesische Watt bis nach Westfalen oder ins Rheinland brachten. Die Not war so groß, dass man all' diese Strapazen und Gefahren auf sich nahm, die damit verbunden waren. - Eine weitere Gruppe ist die, die den Zöllnern ein Schnippchen schlägt. Das können sowohl arme Schlucker als auch gut betuchte Leute sein. Wie oft kam es an den Grenzübergängen vor, dass Reisende noch eine Stange Zigaretten irgendwo im Auto versteckt hatten, oder Grenzbewohner beim „Kleinen Einkauf“ noch 200 g Tee in einer Seitentasche dem Zoll nicht angaben. Fand der Zöllner diese Waren, hieß es „O, das habe ich ganz vergessen“. Meistens wurden dann die Abgaben anstandslos dafür bezahlt. Kamen diese Schmuggler mit der Ware durch, hieß es „da habe ich den Kommiesen aber ein Schnippchen geschlagen“. - Die weitaus gefährlichere Gruppe ist die der Schleichhändler (Betonung auf Händler), solche Schmuggler also, die es darauf anlegen, billige Waren im Ausland zu kaufen , diese am Zoll „vorbeifahren“ und sie dann veredeln oder damit hohe Gewinne erzielen. Das war vor hundert Jahren bei den Zigarrenhändlern möglich, die ganze Tabakballen aus den Niederlanden einschwärzten. Heute ist es der organisierte Rauschgifthandel, der den Zollfahndern zu schaffen macht.

Festgestellt sei schon jetzt: Das Schmuggeln war und ist zu keiner Zeit ein Kavaliersdelikt, sondern immer eine strafbare Handlung - sei es nun aus Not geboren oder aus Jux und Dollerei oder aus Habgier und Gewinnsucht - es ist entweder ein Vergehen oder sogar ein Verbrechen.

Es gibt viele Beispiele, wie früher und heute geschmuggelt wurde bzw. wird. Nach Berechnungen der kurpfälzischen Hofkammer von 1755 gewann man den Eindruck, dass kaum ein Rheinschiff den rechtmäßigen Zoll bezahlt habe. Die Schiffer richteten die Ladung so ein,dass man nicht überall in den Schiffen hineinsehen oder hineingelangen konnte. In den Verstecken lagen dann die wertvollen Dinge.  Die Schiffer weigerten sich oft, die Verstecke zu öffnen.- - Talschiffe, die den Stromfluss ausnutzten, fuhren an den „lästigen Zoll“ vorbei.-- Sogar der Pfalzgraf Philipp Wilhelm von Neuburg fuhr 1661 mit sieben Schiffen an Bacharach und Kaub vorbei. Er wurde angehalten, hatte keinen Freibrief (Zollbrief) bei sich. Er berief sich auf einen vor zwei Jahren ausgestellten Freibrief. - 1769 machte die Hofkammer eine Drohung bekannt, wonach auf alle vorbeifahrenden Schiffe sofort gefeuert werden sollte.- - 1672 ludt ein Schiff, das zu Bacharach und Kaub nur 3 ½ Zollfuder verzollt hatte, dann aber strandete, noch 90 Zollfuder aus. --  Wegen der vielen Rheinzölle wichen die Fuhrleute auch auf Straßen aus, um so den Zoll sparen zu können. Es enstanden jedoch auch auf den Nebenwegen Nebenzollstellen, so dass ein Umfahren sehr schwierig wurde.

An der Hannoversch-Preußischen Grenze zwischen Celle und Gardelegen begünstigten die großen Waldgebiete die Schmuggeltätigkeit. Frachtwagen wurden dabei noch auf hannöverschem Gebiet weitgehend entladen und mit geringerer Fracht ordnungsgemäß durch den Zoll gebracht. Packträger, oft 25 bis 30 Mann, schafften die Hauptlast auf Schleichwegen über die Grenze. An einem vereinbarten Punkt trafen sie sich wieder mit den Fuhrleuten und kassierten einen Teil des gesparten Zolls. Tabak und Salz waren dabei besonders lohnend. Salz kostete im Lüneburgischen drei Pfennig, in Preußen aber 10 Pfennig.

Ende des 18. Jahrhunderts stand der Schmuggel in voller Blüte. Da gab es z.B. in Hessen die „Schwälmer Butterträger“, die sich einen Zuverdienst verschafften. Da gab es Räuber- und Gaunerbanden, die unter anderem vom Schmuggeln lebten. In Österreich und an der ungarischen oder kroatischen Grenze nahm das Einschwärzen von Tabak (2/3 des Bedarfs) trotz verstärkter Bekämpfung ständig zu. In Würzburg beklagten sich die Wirte darüber, daß die Fischer zum Weinschmuggel beitrügen, indem sie in Zellingen und anderen Orten Wein einkauften und nach dem nächtlichen Fischfang mitbrächten, um damit ihre Zechereien in den Zunftstuben bestreiten zu können. Auch würde der Wein in Krügen und Fässern mit Schubkarren durch das Burkardertor gefahren, wo kein Zöllner sei. - Der Herzog von Bayern soll für seine Landeskinder eigens eine Brücke über den Inn geschlagen haben, damit sie den Wein aus Österreich an den dortigen Zollstellen vorbeifahren konnten.

Auch das Bourtanger Moor war für den Schmuggel bestens geeignet. Ob bei Wymeer oder Neuengland, am Hasselberg oder Twist, hier kannten die Schmuggler jeden Weg und Steg. Schwerwiegender war allerdings das Schmuggeln per Schiff auf der Ems. Wenn die Emder, Leeraner oder Papenburger von ihren Seefahrten zurückkamen, hatten Steuerleute genau so wie die einfachen Matrosen Waren in Übersee eingekauft, die sie an den Zoll vorbei in Sicherheit bringen wollten. Es gab sogar Kapitäne, die - wie früher auch die Rheinschiffer - ganze Ladungen am Zoll vorbeifuhren. Nicht immer zu ihrem Vorteil, denn wenn sie erwischt wurden, konnte das Patent oder/und das Schiff weg sein.

Vorüberfahren ohne Ladung wurde schon 1678 an Leib und Gut bestraft. Mißbrauch von Zollbefreiungen wurde durch Konfiskation = Beschlagnahme des Gutes und Aufhebung der Zollfreiheit auf  drei Jahre  geahndet. Maria Theresias Zollordnung von 1780 sah von den 162 Paragraphen 25 Vorschriften bei Straffällen vor, so in § 1o3: „Wenn jemand sich zur Einschwärzung eines Wagens mit geheimen Behältnissen, doppelten Böden und dergleichen bedient, und in demselben zollbare unangesagte Waaren sich befinden, so fällt nicht nur alles Zollbare in Commissum, sondern auch der Wagen selbst ist zu konfiscieren.“

Nicht nur die Contrebandiers, sondern auch den Zollbeamten erwarteten harte Strafen bei Unterschleif = Amtsunterschlagung und Begünstigung im Amt. Der Hofkammerrat Volckmann der kurpfälzischen Kammer hatte 1755 den Eindruck, dass auch Zollbeamte pflichtwidrig Nachsicht übten. 1672 und 1717 wurden Zollbeamte wegen Bestechlichkeit auf frischer Tat überführt. Der vom Dienst suspendierte Nachgänger von Kaub gab 1719 in einer Bittschrift zu „von den Schiffsleuten hie und da eine geringe Verehrung zu 1, 2 oder 3 Gulden oder etwas weniger an Käse, Hering oder dergelichen erhalten zu haben.“

Die Zollschreiber wurden auch angewiesen, unvorhergesehene Kontrollen bei den Besehern = Bediensteter mit Kontrollaufgaben  und Nachgängern zu machen. Auf die Bestechung der Zollbeamten wurden bis zu 500 Reichsthaler Strafe und Dienstentlassung gesetzt. Schon 1399 war es den Zollbeamten verboten, auf dem Rhein selbst Handel zu treiben. Das war jedoch schwer zu unterbinden und wurde deshalb auch öfter wiederholt. Auf der Zurzacher Messe 1691 erhob ein Landschreiber sogar eigenmächtig einen Zoll von drei Batzen für ein Zugpferd. Auf der von St'goar kommenden Hessenstraße erhielt der Zollerheber in Bogel 1629 von der Gemeinde Patersberg ein „Bestechgeld“ von 12 Albus, weil er deren Holzfuhren frei durchgelassen hatte.

Anders geartet war die Verehrung oder Ehrung durch Ehrengaben. Darunter verstand man im mittelalterlichen Zollwesen die Gaben, die dem Zöllner gewohnheitsmäßig persönlich zufielen, meist von den zollfreien geistlichen Instituten. Zuerst war das nur ein Geschenk, später eine Entschädigung für eine bestimmte Leistung. So war am Zoll zu Bozen die Ehrung für ein Saum Kramwaren mit vier Kreuzern im Tarif vorgesehn(1506). In 1669 wird berichtet, daß die Zöllner von den Rheinschiffern regelmäßig Provisionen- vielfach in Natura -erhielten. In Ruhrort wurde beobachtet, daß die Zöllner von einem mit Wein beladenen Schiff ein Fäßchen Wein, 8 Tönnchen Essig und einige Krüge Olivenöl bekamen. Nach dem Dienstrevers von 1478 bezog der Zöllner zu Lueg  zu seinem Sold noch die Ehrungen, die ihm vom gewissen minderwertigen und von eigentlich zollbefreiten Waren und von den überhaupt befreiten Personen als eine Gebühr für die Amtshandlungen zu leisten waren. Die Witwe des Zöllners zu Lueg zahlte 1316 bei Zusicherung der Weiterpacht „pro honorantia“ 30 Mark. + + + + + + +

„Ladie“ stellt zwei Schmuggler

Zollassistent Wagner kauerte an einem Baum unweit des Grenzsteins 176 am Arensberger Forst zwischen Neudersum und Neurhede. Er hatte die neue Ausgabe der Emszeitung und studierte die politischen Nachrichten. Da war doch vor kurzem erst ein SA-Zug auffällig geworden, als die Zentrumspartei zu einer Versammlung aufgerufen hatte. Nur mit aller Entschiedenheit hatte der Vorsitzende eine Saalschlacht, wie es die Nazi-Anhänger wohl vorgehabt hatten, verhindern können.  

Wagner begann zu simulieren. Wie konnten die Leute wohl so närrisch sein und in braunen Uniformen herumlaufen. Wie war es möglich, in dem konservativ katholischen Emsland Männer dazu zu bewegen, sich dem hergelaufenen Österreicher auf Leben und Tod zu ergeben. Was würde werden, wenn Hitler ....

Wagner blickte auf. Es war inzwischen schummrich geworden. Im Westen war die Sonne in den Wolken versunken. Nur das vergehende Blau des Himmels spendete noch einwenig Licht. Wagners Augen schweiften über die Ebene. Auf der niederländischen Seite, „Het Veen over de Dijk“ bewegte sich doch etwas? Um diese Zeit sollten die Bauern drüben doch von den Feldern verschwunden sein. Wagner schaute auf seinen Zollhund, der sich zu seinen Füßen zusammengerollt hatte. Dann nahm er sein Fernglas. Nichts, so viel er auch über die Fläche schaute, da war nichts. Beruhigt streichelte er seine Ladie, steckte die Zeitung in die Rocktasche, nahm seinen Karabiner auf und machte sich auf den weiteren Streifenweg.

Wagner war sicher, dass er nicht gesehen werden konnte. Der dichte Tannenwald lag jetzt dunkel, fast schwarz an seiner Rechten. Er musste über einige ausgetretene Fußwege durch das Gestrüpp und kam schließlich bei seinem nächsten Postierungspunkt an. Hier stieß der Wald direkt an die Grenze. Drüben lag „De Pallert“ mit wenigen Siedlungskaten aus dem vorigen Jahrhundert. Ein Weg schlängerte durch die Äcker -  vielleicht war hier früher schon ein Schmuggelpad gewesen -  und setzte sich von einem kleinen Grenzgraben unterbrochen auf deutscher Seite fort, direkt in den Wald hinein und endete dort in Höhe des Heederfeldes.

Etwa 50 m entfernt hatten die Zöllner eine kleine Bude aus Ästen, Reisig und Torfsoden gebaut. Es war ein beliebter Postierungspunkt, konnten die Grenzbewacher doch hier auch bei Schmuddelwetter trocken sitzen. Zudem gab die Bude genug Sichtfreiheit, um in allen Richtungen des Gelände beobachten zu könne. Das war nicht nur gut, um evt. Schmuggler oder andere Grenzgänger abfangen zu können, sondern auch, um die lästigen Kontrollen der „Oberen“ früh genug gewahr zu werden.

Die Bewegung dort drüben ließ Wagner keien Ruhe. Sehen konnte er jetzt bei der völligen Dunkelheit nichts mehr. Lichter brannten nirgends, so dass auch ein Schmuggler sicher sein konnte, nicht gesehen zu werden. Gerade hatte der Zöllner - unter seinem Mantel - seine Pfeife gestopft und angezündet, als „Ladie“, leise, fast unhörbar, zu knurren begann. Wagner blickte auf. Es war inzwischen schummrich geworden. Im Westen war die Sonne in den Wolken versunken. Nur das vergehende Blau des Himmels spendete noch einwenig Licht. Wagners Augen schweiften über die Ebene. Auf der niederländischen Seite, „Het Veen over de Dijk“ bewegte sich doch etwas? Um diese Zeit sollten die Bauern drüben doch von den Feldern verschwunden sein. Wagener schaute auf seinen Zollhund, der sich zu seinen Füßen zusammengerollt hatte. Dann nahm er sein Fernglas. Nichts, so viel er auch über die Fläche schaute, da war nichts. Beruhigt streichelte er seine Ladie, steckte die Zeitung in die Rocktasche, nahm seinen Karabiner auf und machte sich auf den weiteren Streifenweg.

Die Bewegung dort drüben ließ Wagner keien Ruhe. Sehen konnte er jetzt bei der völligen Dunkelheit nichts mehr. Lichter brannten nirgends, so daß auch ein Schmuggler sicher sein konnte, nicht gesehen zu werden. Gerade hatte der Zöllner - unter seinem Mantel - seine Pfeife gestopft und angezündet, als „Ladie“, leise, fast unhörbar, zu knurren begann. Wagner wartete noch einige Minuten und rief dann in die Dunkelheit: “Stehen bleiben, oder ich setze meinen Hund ein!” Noch eine kleine Weile, dann prescchte Lady los und verbellte zwei junge männer. Es war ein toller Fang, den Wagner dank seines Zollhundes geschnappt hatte. Im Dienstraum der GASt Neurhede erkannte er die Beiden. Es waren junge Leute aus dem Dorf, die den Zöllnern nicht zum ersten Mal über den Weg gelaufen waren. Dieses Mal waren ihre Rucksäcke prall gefüllt mit Tee. Freimütig erzählten die Beiden, daß sie schon mehrmals etwas von Holland geholt hätten. Dann waren es Zigarretten, dann Tee oder Kaffee und auch mal Klamotten zu Anziehen. Die Waren würden durch einen Boten in einem Winkel = Geschäft in Bourtange bestellt und von dort an einen bestimmten Ort im Gelände  versteckt, mal hier, mal da. Ab und zu würden auch die Holländer die Ware über die Grenze bringen und in einem Schuppen oder sonstwo hinterlegen. Bezahlt werde immer bei der nächsten Bestellung.

Wagner fertigte das Protokoll und musste die Gefassten wieder laufen lassen - Sie waren bekannt, es bestand keine Fluchtgefahr, und weil sie gestanden hatten, auch keine Verdunkelungsgefahr.. Das Gepäck mit Inhalt wurde beschlagnahmt. Die jungen Männer hatten ihr Tun als „Kavaliersdelikt“ angesehen und lachten über das Pech, jetzt geschnappt zu sein. Außerdem hatten sie den Zöllnern einige wertvolle Hinweise auf die Schmuggelpraxis gegeben. Drei Monate später: eine kleine Geldstrafe mit dem Verweis, dass im Wiederholungsfall das Gefängnis auf sie warte.

Ein kleiner Fall von Schmuggel, wie er im vorigen Jahrhundert und zwischen den Weltkriegen, in der „Kluttenzeit“ und auch in den fünfziger Jahren an der deutsch-niederländischen Grenze immer wieder vorkam. Wohl niemand aus der Grenzbevölkerung konnte sich freisprechen, nicht davon gewusst zu haben oder gar dabei gewesen zu sein. Es war ja auch verhältnismäßig einfach, an der fast 250 km langen Grenze ein Loch zu finden. Die 500 oder zeitweise 700 Zöllner reichten nicht aus, um die gesamte Strecke abzuschirmen. Nach guten Beobachtungen konnten die Contrebandiers die Gewohnheiten der Grenzwachen einigermaßen einschätzen, auch wenn der Dienstplan der Beamten auf den Überraschungseffekt - zu jeder Zeit an jedem Ort - abgestimmt und die Geheimhaltung der Zeiten, der Wege und der Postierungspunkte für jeden Zöllner oberstes Gebot war. Tricks gab es genug, z.B. wurden einige Männer vorausgeschickt, ohne Waren selbstverständlich. Wurden sie angehalten, war an solcher Stelle kein Durchkommen. Manchmal wurde das Gelände auch mit Hunden abgesucht, ob nicht doch in einem Schuppen oder auf einem Baum ein „Commiese“ lauerte. Es war schon ein Katz- und Mausspiel zwischen Zöllner und Schmuggler. Oft half das ganze Dorf mit, um den Zoll auszutricksen. Blink- und Akustik-Zeichen waren eingeübt, Stich- und Losungsworte wie „Karo“ oder“Pech“ waren überall bekannt - nur meistens bei den Zöllnern nicht.

Frecher waren schon die Schmugglerbanden, die um 1879 ihr Unwesen trieben. Mit einer Größe bis zu 35 Leuten waren sie den Zollbeamten weit überlegen. Entweder sie kamen als Träger mit Rucksäcken oder Ballen auf dem Rücken durchs Moor - dabei wurden die Zöllner durch andere Gruppen abgelenkt - oder sie kamen mit vierspännigen Fuhren über die vielen ausgefahrenen Wegen und im Winter über das festgefrorene Moor. Auch wurden ganze Viehherden bis zu 50 Stück über die Grenze getrieben. An holländischer Seite waren regelrechte Schmuggelgut-Lager in Holzhütten angelegt - die Ware wurde dann von den Trägern „eingeführt“, selbstverständlich am Zoll vorbei.
Tabak, Tee, Getreide und Vieh wurden von Holland geholt, Speisesalz und gereinigter Spiritus waren in Holland beliebt. Alkohol kam in Schweineblasen gefüllt herüber. Ein Zentner Roggen brachte 3 Mark Gewinn. In der Inflationszeit blühte ebenfalls ein flotter illegaler Handel über die Grenze. Es waren Kaffee, Tee, Tabak, Pferde und Rinder. Der stabile Gulden gab dazu wohl den größten Anreiz. Im Grenzgebiet mussten zu der Zeit Transport- und Weidescheine ausgestellt werden, um die Besitzverhältnisse kontrollieren zu können.Auch 1934 nahm der Schmuggel noch einmal sprunghaft zu. Tausende von Schafen, Schweinen, Ferkeln, Kälbern, Rindern und waggonweise Alkohol, Getreide und Kunstdünger gingen damals nach Holland. Kaffee, Tee, Mehl, Käse, Butter, Hafer, Pferde kamen im gleichen Umfang zurück. Die Strafen waren, wenn die Zöllner zugegriffen hatten, sehr hoch. Mancheiner verlor dabei Hab und Gut, Haus und Hof.
Es bestanden manchmal kriegerische Verhältnisse zwischen den Ordnungshütern an der Grenze und den Schmugglern. Vor dem ersten Weltkrieg konnte Schmuggeln bei unmittelbarem Grenzübertritt verfolgt werden. Danach gab es einen 400-m-Streifen, in dem die Zöllner noch zugreifen durften. Die Schmuggler hatten sogar Zolluniformen und Gewehre, die Zöllner verkleideten sich als Gangster. Das war besonders gefährlich und oft kam es zu Handgreiflichkeiten. Es wurden sogar Schußwaffen auf beiden Seiten gebraucht.

Es war in Heerenland bei Wymeer, als an einem Sonntagvormittag die kleine Wilma auf dem Hof mit ihrem Ball spielte. Plötzlich begann ein Gewehrgefecht in unmittelbarer Nähe. Ein Querschläger traf den Ball, der mit einem lauten Knall platzte. Wilma rannte in die Küche und schrie: „Mama, Mama, ik löv, ik hebb'n Kugel in't Liev kregen.“
In Wymeer kann man ohnehin viel über den Schmuggel erzählen. Als einmal die Ferkel in Bellingwolde „goodkoper“ = billiger waren, mußten diese eingeschwärzt werden. Die Tiere wurden in Holland mit Alkohol gefüttert, bis sie betrunken waren. In einem Sack gepackt, merkte der Zöllner bei Dünebroek nichts von der Lebendigware. - Im Winter, wenn der Tydens-AA-Kanal zum Schöfeln = Schlittschuhlaufen einludt, trafen sich dort Wymeerster und Bellingwolder. Viele nutzten die Gelegenheit und brachten unter den dicken Pullovern und Joppen Tee, Tabak oder Kaffee mit nach Hause. - Einmal unterhielten sich die Landarbeiter in einer Scheune auf dem Klostergut über das Schmuggeln im allgemeinen und über den nächsten Einsatz im besonderen. Plötzlich stand der Commiese aus dem Strohhaufen auf, in dem er „seinen Dienst“ geschlafen hatte.Er sagte zwar nichts, ging jedoch schmunzelt davon. Die Schmuggelpartie war deftig verhagelt und zudem nh einige Tricks verraten. - In Bunde war die Feier des 1.Mai angesagt. Daran sollten auch alle Zöllner teilnehmen. Das war die Gelegenheit, um gefahrlos etwas von Holland zu holen. „Schiet ok,“ rief Heini, als der Zöllner ihn am Lethewall aufgriff, „ik doch, du wast in Bunne, hest doch ok fief Mark kregen för de Umzug?“ „Jo, hebb ik, man de hebb ik güstern v'sopen und dorför mutt ik vandag Deenst maken.“ - Viele Wymeersters hatten Verwandte und Bekannte und Freunde imaken.“ - Viele Wymeersters hatten Verwandte und Bekannte und Freunde in Bellingwolde oder Blyham oder sonstwo jenseits der Grenze. Mit dem Rad ging es sontagmorgens auf Visite. Wenn sie dann abends am Zollhaus Dünebroek ankamen, hatten die Frauen garantiert ein Päckchen Tee oder Kaffee unter ihrer Unterwäsche. Dafür war der Zöllner überfordert. Als er dann eines Tages eine Durchsuchungsbeamtin angefordert hatte, purzelten die Päckchen nur so aus den Schlüpfern. Die Damen hatten plötzlich einige Pfunde abgenommen. - Eine bekannte Schmugglerpersönlichkeit hatte einen besonderen Dreh erfunden. Weil die Fahrräder in Holland günstiger und besser waren, besorgte er für die ganze Verwandtschaft und dem Bekanntenkreis nagelneue Hollandräder. Er nahm dafür die alten Fietsen der Freunde in Zahlung. Damit fuhr er, mit einer Tasche auf dem Gepäckträger, über einen der Grenzübergänge in Neurhede, Rhede, Dünebroek oder Bunderneuland. Mit einem anderen, jetzt neuen  Fahrrad kam er über ein andres Zolamt zurück. Er hatte dann auch fleißig Waren eingekauft: Tee, Butter ect. , all das, was er auf der „Kleinen Grenzkarte“ zollfrei einführen durfte. Manchmal bezahlte er für „Übermengen“ sogar Zoll. Die Commiesen kontrollierten zwar seine Tasche - das Fahrrad interessierte den Beamten nicht.
Da meinten wohl die Zöllner Anfang der sechsziger Jahren, der Schmuggel sei vorbei, die Wymeerster und Bellingwolder alles brave Leute geworden. Da hatten sie sich wohl geirrt . Die kleine Geschichte dazu: Mit Been unner Arms ...

Schmuggeln mit dem Auto wurde mit zunehmender Motorisierung vor allem bei jungen Menschen noch einmal zum „Sport“, auch wenn der Gewinn nicht mehr allzu groß war. Am Grenzübergang Bunderneuland versuchten es noch einmal vier niederländische Bürger. Sie hatten in ihrem Fahrzeug 40 kg Kaffee unter den Sitzen und sonstwo versteckt. Sie wären mit ihrer Ware auch nicht aufgefallen, hätten sie sich nicht so merkwürdig benommen. Dafür haben Zöllner einen sechsten Sinn. Sie ließen ihren Kaffeehund am Wagen schnüffeln, und siehe da, obwohl das Innere des Wagens mit Spiritus ausgespritzt war, zeigte der Vierbeiner durch Kratzen an, wo das Zeug versteckt war. Die jungen Leute gaben an, den Kaffee in Bremen oder Hamburg verscheuern zu wollen, um sich mit dem Erlös einen „tollen Tag“ auf der Reeperbahn machen zu können.
Als Kaffee und Tee nicht mehr lohnten, kam eine andere Schmuggelware auf den Markt. Im Grenzgebiet und dem näheren Binnenland war der Mercedes-Diesel plötzlich „IN“.  Fast jeder zweite Fahrzeughalter fuhr einen „Diesel“. Wollte man damit aber an einer deutschen Tankstelle Kraftstoff tanken, hieß es vom Tankwart: „Diesel-Tanksäule? Haben wir nicht, lohnt sich nicht.“ Die Dieselfahrer waren auf den Trichter gekommen, dass der Kraftstoff in Holland viel billiger zu haben war. Das machte auf einen Liter 30 bis 35 Pfennig aus. Man fuhr mit einem Pfennig Diesel einen Kilometer. Die Beamten an den Zollämtern hatten also alle Hände voll zu tun, um mit ihrem Meßstab die Tankbehälter der Dieselfahrzeuge zu kontrollieren und auch nachzuschaun,, ob nicht im Kofferraum noch einige Kanister verstaut waren. Solche „Tankfahrten“ konnten sehr teuer werden, wie ein Gerichtsurteil beweist, das 1965 in Nordhorn verkündet wurde: Eine junge Frau aus Brual hatte schon mehrfach den Preisunterschied des Dieselkraftstoffs zwischen Holland und Deutschland ausgenutzt. Für die Zollbeamten am Übergang Rhede fuhr sie wohl zu oft hin und her. Sie stellten fest, dass die Frau nicht nur für den privaten Gebrauch in Belligwolde tankte, sondern das sogar gewerbsmäßig tat. Das Urteil lautete auf drei Monate Gefängnis mit Bewährung , 1oo,- DM Geldstrafe, Zahlung des Verfahrens und Nachzahlung der hinterzogenen Abgaben. -
Weitere Schmuggelberichte unter  „500 Jahre Zollüberwachung in der Emsmündung.
Eindrucksvoll auch die nächsten Seiten mit den Zeitungsausschnitten über die Erfolge der Zöllner:

Weitere Links: Tergast   Insel   Presse   Briefmarken  Kochbuch   Meine Bücher   Handys, DSL etc.   Uwe

ENDLICH!     Es ist geschafft.

Diese Homepage ist nun auch als Buch mit dem Titel

ZOLL UND GRENZE IM WANDEL DER ZEIT  

erschienen. Es hat die ISBN Nr. 9783 8370 9550 0, hat 424 Seiten, davon 45 farbig

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Johann Beerens Freier Journalist und Buchautor
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Ich habe gestern mein Buch Nr. 124605 zum Druck freigegeben. Nun erscheint auf meinem Desktop im Hintergrun d das Cover des Buches groß, aber fast unlasbar. Das muss da wieder weg. Wie mache ich das?

Mit freundliche n Grüßen

Johanna Beerens, Tergast

jbtergast@t-online.de