Der 30jährige Krieg

Auf dem Weg nach EUROPA - Zoll und Grenze im Wandel der Zeit

 Dreißig Jahre Krieg

               dreißig Jahre kein Zoll, keine Grenzen

  KRIEG  VERZEHRT - FRIEDE ERNÄHRT

Was hatte der „Pape“ dort in Wittenberg bloß angestellt. Er wagte es, gegen seinen Obersten Dienstherrn, dem Papst in Rom, Schriften anzufertigen und sogar seine Meinung am Tag vor Allerheiligen, da doch viele seiner Schützlinge zum Gottesdienst kommen,  an die Kirchentür in Form von 95 Thesen zu schlagen. Dabei war seine Meinung gar nicht so neu. Genau 100 Jahre vorher war es der Magister Johannes Huß in Prag ((wird auch der Reformator von Prag genannt)), der gegen die Ablaßverkäufer vor den Kirchen protestierte; der seines Glaubens gewiß zum Konzil in Konstanz zog - und dort, der Ketzerei beschuldigt, auf dem Scheiterhaufen sein Leben lassen mußte. Ein Jahr später wird auch sein Mitstreiter Hieronimus von Prag auf dem selben Anger wie Huß verbrannt, weil er gegen  den Mißbrauch der Kirchengüter - sie wurden für Prunk, Schlemmerei und Unzucht durch Kirchenfürsten und Prälaten veruntreut - protestierte.

In Böhmen hatte die Verbrennung der beiden Vorkämpfer einer tschechischen Nationalkirche eine tiefe Welle völkischen Zorns gegen die deutschen Herrscher erregt. Die Hussisten rotteten sich zusammen, es entbrannte der Hussistenkrieg. In Prag stürmte das Volk das Rathaus und warf die deutschen Räte aus dem Fenster auf die Spieße der aufgebrachten Rebellen..  Das war der erste Prager Fenstersturz im Jahre 1419, der den ersten Religionskrieg entfachte.

Der Prager Fenstersturz

Der zweite Prager Fenstersturz geschah fast 200 Jahre später, am 23. Mai 1618. Inzwischen hatte Luthers Lehre gegriffen. Er hatte sich - als Junker Jörg getarnt - vor Acht und Bann und dem Zorn des Papstes und des Kaisers auf die Wartburg retten können. Seine Anhänger trieben es zwar auch nicht immer „christlich“, doch die Reformation konnte nicht mehr aufgehalten werden. Dazu beigetragen hatte sicherlich auch die Übersetzung der Bibel, die nun von jedermann im deutschsprachigen Gebiet gelesen - und verstanden - werden konnte. Die Reformation löste eine Gegenreformation aus. Die Protestanten bildeten die UNION, die Katholiken die LIGA.

Eine „Sintflut von Rebellen“ ergoß sich über das Schloß Hradschin in Prag. Waffen klirrten, Menschen drängten, die Rädelsführer beschimpften die Kaiserlichen, die Kaiserlichen wollten sich wehren. Der Anführer der Rebellen rief: „Der Rebell wird richten in diesem Land nach altem Brauch: öffnet die Fenster!“  Drei Kaiserliche flogen aus dem Fenster, standen aber wieder auf und konnten trotz knatternder Pistolenschüsse in Todesängsten durch einen Graben entfliehen.

Das war der Donnerschlag, der ein lange schwelendes und lastendes Gewitter auslöste. Der Krieg, die „ultima  ratio regum“ - die letzte Weisheit der Könige - erhob sein fahles Haupt. „Musketen und Haubitzen statt Argumente und Verhandlungen“ war die Devise der Zeit - Krieg das letzte Mittel gegen Gewalt und Gegengewalt.

Knapp 200 Vertreter der protestantischen Stände unter der Führung von Heinrich Matthias von Thurn zogen am 23. Mai 1618 auf die Prager Burg und warfen nach einer improvisierten Gerichtsverhandlung die in der Hofkanzlei anwesenden kaiserlichen Statthalter Jaroslav Borsita Graf von Martinitz und Wilhelm Slavata aus einem Fenster aus 17 Metern Höhe. Anschließend warfen sie noch den Schreiber Johannes Fabricius hinterher.
Alle drei überlebten, weil sie – so die Legende – auf einen Misthaufen fielen, der sich unter dem Fenster angesammelt hatte. Der Misthaufen ist aber eine Erfindung späterer Zeiten. In den Erinnerungen der Beteiligten findet sich keine Erwähnung eines Mist- oder eines anderen den Sturz dämpfenden Haufens. Martinitz über den Sturz Slavatas:
Sie haben erst die Finger seiner Hand, mit der er sich festgehalten hat, bis aufs Blut zerschlagen und ihn durch das Fenster ohne Hut, im schwarzen samtenen Mantel hinab geworfen. Er ist auf die Erde gefallen, hat sich noch 8 Ellen tiefer als Martinitz in den Graben gewälzt und sich sehr mit dem Kopf in seinen schweren Mantel verwickelt.[1]
Slavata über seinen eigenen Sturz, von sich selbst in der dritten Person sprechend:
Graf Slavata hat sich an dem steinernen Gesims des untersten Fensters angestoßen und ist auf der Erde mit dem Kopf noch auf einen Stein gefallen.[1]
Der Fall Slavatas endete also unsanft, wenn auch durch ein Fenstersims etwas gebremst. Martinitz schreibt über den Fall des Sekretärs:
Haben letztlich noch den Herrn M. Phillip Frabricius, röm. kais. Rat und Kgr. Böhmens Sekretarius [...], in den Graben geworfen.

Was ist Krieg?

Krieg -  ist das nicht ein leeres, hohles Wort ohne Sinn?

Krieg - ist das nicht der Vorwand für Plündern, Morden und Brandschatzen?

Krieg - ist das nicht der „Freibrief“ für Landsknechte, Söldner und

              Heerführer,  sich an fremdem Gut zu vergreifen?

Krieg - ist das nicht die Einladung zum Schwelgen, Saufen und Huren?

Krieg - ist das nicht die Gelegenheit für Grafen, Fürsten, Bischöfe,

              Könige, Machthaber und Diktatoren ihren Besitztum und ihre Macht

              rücksichtslos auszudehnen?

Krieg - ist das nicht die Entschuldigung für Grausamkeiten,

              Vergewaltigungen und menschlichen Schändungen?

Krieg - ist das nicht die Ursache, da der Mensch zum Tier wird?

          Da der Mensch sich tierischer verhält als das Tier selbst?

Krieg - ist das nicht töten und getötet werden? Oft verlieren, manchmal gewinnen?

           KRIEG verzehrt - Frieden ernährt ! !

Dreißig Jahre tobte der Krieg, nicht nur in Deutschland, sondern in fast ganz EUROPA. Was 1618 schwelend in Böhmen begann, setzte sich feuerbrünstig mit Eingreifen der Dänen und Schweden im Norden fort und loderte durch die Einmischung Frankreichs seinem Höhepunkt zu, um im Westfälischen Frieden, der 1648 zu Münster und Osnabrück abgeschlossen wurde, zu verglimmen. Zehn Jahre danach aber glühte die Asche immer noch in den heimgesuchten, verlassenen und verbrannten  Dörfern und Städten.

Berüchtigt berühmt werden uns auch heute noch Namen genannt, dessen Träger, als „Kriegshelden“ geehrt, in das Feuer stocherten und es immer wieder entfachten: Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, Wallenstein, Tilly, von Mansfeld, Christian IV.  von Dänemark, Prinz Gustav Adolf von Schweden, Oxenstierna von Schweden, Bernhard von Weimar, Dodo von Inn- und Knipphausen ( ein Ostfriese), Richelieu von Frankreich und so viele kleine und kleinere Feldherren, Hauptleute, Grafen und Bischöfe, Bürgermeister und Kappelane.

Auch in Ostfriesland und dem Emsland flackerte das Getümmel mal mehr, mal weniger auf. Dabei waren es mal die Protestanten, mal die Katholiken, die die Oberhand gewannen - immer aber waren ihre Handlungen von Rauben und Plündern, Brennen und Morden, Greuel und Frevel begleitet. Saufgelage, Schlemmerpartys und Unzucht, wohin man auch schaute. Sie stimulierten die Kriegsscharen zu immer neuen Taten - für wen? Das wußten sicherlich die meisten überhaupt nicht.      Es war ein „grenzenloses“ Durcheinander.  

v.l.n.r.:  Gustav Adolf II. von Schweden, Wallenstein  Tilly,  Herzog Christian IV. von Dänemark,  Peter Ernst von Mansfeld

In unserem Gebiet wurde wohl Meppen am meisten heimgesucht. Die günstige geographische Lage machte die Stadt zu einem Knotenpunkt für die durch die Lande ziehenden Heerscharen. Die Königsstraße rechts und die Friesenstraße links der Ems ermöglichten die Nord-Süd-Verbindung zu Lande. Die Ems  gewährte eine immerwährende Wasserstraße selbst für die Dänen und Schweden und bildete bei Frost auch noch eine feste Brücke hin- und herüber. Auf der West-Ost-Linie gibt es einen Sandrücken von Coevoerden über Meppen und schließt an den südlichen Teil des Hümmlings an. Haselünne, Quakenbrück und Osnabrück waren somit leicht zu erreichen. Über die Hase konnten Schiffe und Boote ebenfalls in östlicher Richtung verkehren. Welcher Ort konnte also wohl besser Dreh- und Angelpunkt in diesen turbulenten Jahren sein?

Nachdem auch im Emsland die Reformation Luthers vorangekommen war, starteten die Jesuiten eine Gegenreformation. Acht Jahre konnte der Orden in Meppen  und Umgebung ungestört wirken. Dann, 1622, wurden sie von dem Grafen Ernst-Peter von Mansfeld vertrieben, bis der ligistische General Tilly den Mansfeld verjagte und die katholischen Missionare zurückholte.

Noch blieb es ansonsten im Emsland ziemlich ruhig - bis 1633. Jetzt rückten die Schweden ein. Es begann die zweite Jesuiten-Verfolgung. Die Pfarrer und Patres ließen sich aber nur dort vertreiben, wo die Schweden wirklich hinkamen. Ein starker Verfechter des lutherischen Glaubens war vor allem Dodo von Inn- und Knyphausen, seines Zeichens Feldherr und General in verschiedenen Diensten. Er übernahm, nachdem König Gustav Adolf von Schweden bei Lützen (06.11.1632) gefallen war, ein Kommando der Infanterie und führte die Schweden zum Sieg. In Meppen wirkte er wohlwollend, sah er sich doch als Herr über das Emsland. In diese Zeit fällt auch die Übernahme der Papenburg durch Diedrich von Velen. Dieser mußte seinen erst vor fünf Jahren erworbenen Besitz an den emsländischen Ostfriesen abgeben.

Die Schweden befestigten Meppen durch verschiedene Bollwerke: die St'Annenschanze, die Schwedenschanze, die Eleonoren-Schanze, die Christianen-Schanze und die Gustav-Schanze. Die Straße nach der Propstei wurde durch den Pulverturm verschlossen. Eingang in die Stadt boten das Neutor und das Hasetor. In der Schwedenkammer waren Rüstkammer, Magazin und Mühlenhaus untergebracht.

Kriegsbedürfnisse, Verteidigung und Angriff kosteten viel Geld, doch anders als vorher wurde die Schatzung (Steuer) vorsichtig angegangen. Die Einnahmen wurden auch nicht verprasst, sondern flossen in die Residenz. Der Bürger brauchte an die Soldaten nichts unentgeltlich zu liefern, alles wurde bar bezahlt. Die Knyphausische Herrschaft war ein großer Vorteil für die Stadt Meppen.

Im Jahre 1635 versuchten die Kaiserlichen, das Niederstift Münster wieder in ihren Besitz zu bekommen. General Luttersum rückte von Osten vor, konnte die Städte Haselünne, Cloppenburg und Quakenbrück einnehmen und eroberte auch Vechta, Wildeshausen, Friesoythe, Fürstenau und viele andere Orte. Nur an der Ems wollte sich für die LIGA kein Sieg einstellen. Nienhaus bei Aschendorf und die anderen Bollwerke waren zu gut befestigt. Dennoch, Knyphausen sah die Stadt Meppen gefährdet. Er ließ sich von den Schweden als Feldobersten einstellen und zog im Januar 1636 in Allerfrühe mit 1.000 Reitern und 300 Fußsoldaten nebst drei Feldstücken am linken Haseufer ins Osnabrücker Land. General Luttersum bekam früh genug Kenntnis von dem Aufmarsch und empfing die Truppen, hinter Sandbergen versteckt, aus dem Hinterhalt.

links  die Hase, Nebenfluss der Ems,                           die beiden anderen Bilder:General Dodo von In- und Zu-Knyphausen

Es entwickelten sich heftige Kämpfe, wobei der Anführer Dodo von In- und Zu Knyphausen von einer tödlichen Kugel getroffen wurde. Sein Oberst Krassenstein übernahm den Befehl - die Knyphauser rückten wutentbrannt vor, bis sie das Weiße in des Feindes Auge unterscheiden konnten. Sie schlugen die Reiterei Luttersums in die Flucht und ritten das Fußvolk nieder. 400 Kaiserliche fanden den Tod, 550 wurden gefangen genommen, darunter Luttersum. Die Schweden beklagten nur 20 Tote und etwa 50 Verletzte.

Wie das in den wirren Tagen üblich war, musste auch Oberst Krassenstein seine siegestrunkenen Mannen aus den Dörfern ringsum zusammentrommeln lassen, wo sie nicht eben menschlich und mäßig gehaust hatten. Knyphausens Leiche wurde zunächst in der Pfarrkirche  zu Meppen aufgebahrt. Sein Günstling Superintendent Brawe hielt die Leichenrede. Von Meppen wurde der Leichnam über Stade nach Emden gebracht, wo sie auf der Klunderburg noch einige Wochen stehen blieb.Schließlich ward Knyphausen im Begräbnisgewölbe der Familie Knyphausen in der Lütetsburg bei Norden beigesetzt. - Das Emsland wurde durch die Witwe und die Erben Knyphausens an den Pfalzgrafen Karl Ludwig für 40.000 Kronen (38.000 Thaler) verkauft.

Es sollte also ein neuer Herr in Meppen einziehen. Mit viel Geschick wurden Soldaten und Offiziere aus England, Holland und Deutschland angeheuert. Die Stadt wurde außergewöhnlich verstärkt. Es wimmelte überall von Militär. Der Rittmeister Hagedorn aber hatte sich abgesetzt und mit Hilfe des Generals von Velen eine Schwadron Reiterei erhalten. Der Kommandant von Rheine, Oberst Ketteler, verlegte in aller Eile und Stille viele Truppen in die Nähe Meppens, was aber verraten wurde. Der Kommandant von Meppen, Horneck, veranlasste daraufhin die Verstärkung der Wachen auf den Wällen. Die Stadtbesatzung war allerdings nicht gut diszipliniert, es erschienen nur einfünftel der eingeteilten Wachleute.

Zwei Stunden, von eins bis drei in der Nacht, dauerte der Kampf. Die Überrumpelung war gelungen, die Kaiserlichen warfen am andern Tag die restlichen feindlichen Militärs aus der Stadt. Eindrucksvoll ist diese Geschichte der Rückeroberung Meppens durch die Kaiserlichen Truppen bei Diepenbrock erzählt.

Einige Bilder aus Meppen

Die Eroberer führten sich indes nicht als Heilsbringer auf, wie es die Bürger von den kaiserlichen und bischöflichen Truppen erwartet hatten. Sie verübten vielmehr Greueltaten, als wenn „sie Magdeburg erobert“  hätten. Gewaltsam wurden Türen geöffnet, das Habe der Bewohner entwendet, Lebensmittel auf den Straßen verstreut, Wein- und Bierfässer zerstört, den Menschen die Kleider vom Leib gerissen, das Schloss seiner Güter beraubt und das Geld, das der Pfalzgraf geschickt, unter den Offizieren verteilt.   Die Söldner prahlten:   „Wir haben manche große und reiche Stadt erobert,   geplündert und das Kriegsrecht ausgeübt,   doch  die Beute von Meppen übersteigt alles übrige.“ 

Inzwischen kehrte der in Verbannung lebende Drost des Emslandes, Diedrich von Velen, zurück und setzte ab 1638 sein Werk, die Gründung der Stadt Papenburg, fort.

Die Kontribution, also die Kriegssteuer, die schon von den Schweden eingeführt war, wurde jetzt mit Gewalt eingetrieben. So mussten alleine für den Festungskommandanten zwei Schlachtrinder, zwei Hammel, vier Lämmer, ein gemästetes Kalb, 200 Eier und acht Hühner, 50 Pfund Butter, drei holländische Käse, zwei Schinken, 40 Pfund Speck, drei Faß Bier, eine halbe Pipe Wein, 14 Maß Essig, 2 Hüte Zucker, ein Scheffel Weizenmehl und für drei Thaler Gewürze wöchentlich in die Küche geliefert werden.  An Freitagen wurde bei 20 Pfund Stockfisch gefastet. Für die Garnison mussten Meppen und Bentheim 5.000 Thaler aufbringen, wozu Bentheim allerdings nur 1.000 Thaler beitrug.

Auch der General Oktavio Pickolomini, der nach den Schweden in Meppen einzog, verlangte für seine an Rohheit und Wildheit nicht zu überbietende Soldateska hohe Abgaben. Da hatte doch jeder Hauptmann drei Rüstwagen und 20 Pferde, dazu die nötigen Söldner und Marketender. Nur der Durchmarsch der Truppen kosteten den Bürgern in einem Jahr ca. 50.000 Thaler. Hinzu kam, dass die zerlumpten Landsknechte und Helfer nach neuen Mänteln und Röcken schrieen. Auch General Hatzfeld, der zeitweise in der Stadt wütete, verlangte von der Bürgerschaft mehr, als diese leisten konnte.

Es wird berichtet, dass in den Jahren 1643 bis 1645 die Steuereinnehmer (manchmal auch Brandmeister genannt, denn wo nichts zu holen war, wurde gebrandschatzt) durch  soldatische Exekutoren begleitet wurden. Es wurde keine Rücksicht auf arm und reich genommen. Auch die umliegenden Höfe und Dörfer blieben nicht verschont. Die Rohheit, Unmäßigkeit, Unzucht und Räuberei der Soldaten war bei diesen Streifzügen weitaus lästiger und gemeiner als die eigentliche Schatzung.  Als der Rentmeister Gerhard Martels dann die Eintreibung der Steuern selber vornehmen wollte, wurde er von den Offizieren sehr angefeindet, weil er ja dadurch den Unholden den Weg zum Raube verschloss.

Dem Pfalzgrafen war der Verlust Meppens ein harter Schlag. Er bemühte sich um Aufstellung neuer Regimenter, wobei die Generalstaaten, Hessen, England und Schweden halfen. 6.000 Mann zogen unter Führung des Pfalzgrafen Karl Ludwig, dessen Bruder Robert, Milord Gre und dem General Ferentz (ein gebürtiger Ostfriese) in das Stift Münster ein. Auf ihrem Weg raubten und plünderten sie und verwüsteten die noch übriggebliebenen Ortschaften. Die Menschen flüchteten. Vor Meppen machte die „Invasion“ halt - wegen der guten Befestigung wagten die Angreifer den Sturm auf die Stadt nicht. Auch der General Westerholt, der 1.500 Mann Verstärkung brachte, konnte außer ein paar Scharmützel in den Sandbergen von Bokolo nichts ausrichten.

Die Mansfelder hatten allerdings in zwei Jahren ein verwüstetes, ausgelaugtes Land geschaffen.  Mord, Raub, Unzucht und nie gehörte Frevel wurden fast ungestraft verübt.Nur ein Beispiel: in Norden wurde ein braver Bürgersmann kaltblütig erschlagen. Der Mörder erhielt dafür lediglich drei Tage Stubenarrest.

In Jemgum feierte der General mit seinen Kriegsobersten ein Saufgelage, wobei vor allem auch Weibergeschichten preisgegeben wurden. Viele der Offiziere konnten es sich nicht verkneifen, ihre „Heldentaten“  mit dem weiblichen Geschlecht zu erzählen. Prahlen und Angeben war dabei selbstverständlich, jeder wollte es noch besser gemacht haben als der andere. Plötzlich meinte einer der Mansfeld-Getreuen,  die Gemahlin des Obersten Karpitzo sei auch nicht gerade treu und möge auch gerne einmal einen feschen jungen Soldaten auf ihr Lager. Karpitzo, der diese Behauptung hörte, stürmte in das Nebenzimmer, wo die Offiziersfrauen ihrerseits feierten. Er riess seiner Gemahlin fast die Haare vom Kopf und befahl ihr dann, mit ins Quartier zu kommen. Dort rief er den Feldpriester und den Büttel und verurteilte seine eigene Frau zum Tode. Sie sollte zuerst aber Buße tun. Darüber zu Tode erschrocken, von dem Unerwarteten und Schrecklichen aufs Heftigste erschüttert, umfaßte sie die Knie des grausamen Gemahls und jammerte um Gnade und Leben. Fünf Kinder hatte die Frau dem Obersten geboren, doch diesem rührte weder Geschlecht noch Angstgeschrei und Tränen. Als der Henker die Enthauptung verweigerte, nahm Karpitzo selbst das Schwert. Bestraft wurde der Mord nicht.

Der Oberst Karpitzo lebte danach mit der Schwester der Frau zusammen. Sie zogen nach Groningen. Doch die Tat des Mannes war schon in Groningen bekannt. Einige Frauen wollten ihm dort die Leviten lesen, rotteten sich zusammen und kamen zu seinem Quartier. Der Mörder hatte jedoch von dem Vorhaben der Frauen Kenntnis bekommen und flüchtete - niemand weiß, wo er geblieben ist.

Die Ablösesumme der ostfriesischen Stände mögen dem Grafen Mansfeld zum Aufgeben bewogen haben. Die Hungersnot, die als Folge der Plünderungen eintrat, tat ein weiteres. In ihrer größten Gier verschlangen die Söldner sogar die Treber der Säue. In einem Vers heißt es:

Mansfeld eet wall geern Sucker-Bankett, man nu eet he Strunken sünder Fett. 

  Fast Einjahrzehnt blieb es danach in Ostfriesland ruhig. Nur ab und zu versuchten versprengte Horden sich hier zu bereichern. Nach Mansfelds Abzug bezogen einige Regimenter des Kaisers Quartier. Sie wurden in guter Zucht gehalten. Nur die Abgaben drückten. 1637 schließlich kamen die Hessen mit einigen tausend Mann ins Land, auch sie wurden in strengster Zucht gehalten. Auf dem Landtag in Leer wurde den Besatzern ein halbes Jahr zugestanden. Als ihr Führer Wilhelm Landgraf von Hessen starb, wurde  der Vertrag mit den Ständen nicht eingehalten. Zwar wurden immer wieder Kompagnien und Mannschaften abgezogen, andere kamen jedoch wieder. Hessen hat wohl das ruhige ostfriesische Land als Einrichtungsplatz benutzt.

Noch einmal versuchten die Ostfriesen, die Hessen des Landes zu verweisen. In Aurich fand der entsprechende Landtag statt. Nicht alle Städte stimmten dem Vorhaben des Grafen Ullrich bei. Dieser erhoffte Beistand von den Generalstaaten, weil sein Sohn Enno Ludwig mit der Tochter des Prinzen von Oranien verheiratet werden sollte. Doch auch die Niederländer wollten nicht helfen.

Im Rheiderland kam es schon desöfteren zu Scharmützeln, weil die Kaiserlichen Truppen vom Münsterland her schneller einbrechen konnten. So wurde auch Jemgum mehrfach überfallen. Die Hessen kommandierten den Grafen Kasper von Eberstein linksseits der Ems, damit Jemgum befestigt werde. Es ging dabei auch wohl sehr friedlich zu. Wer von den Soldaten einem Eingesessenen Unrecht antat, wurde  hart bestraft.

Die Abgaben für den „Schutz“ waren  nicht gering. Einige tausend Soldaten mussten in Privatquartiere untergebracht werden, alle Plätze in den Häusern waren besetzt. Die Niederrheiderländer schafften Betten, Torf und Kerzen herbei. Wer mehr als erforderlich lieferte, wurde bezahlt, so dass es den Jemgumern wohl gut dabei ging.  Die Soldaten bekamen als Lohn 27 Schaf = 54 Stüber = 1 Reichsthaler. Ein gewöhnlicher Käse kostete 12 ½ Gulden, gesalzener Speck 24 Gulden. Die Arbeiter, die beim Bau der Befestigungen halfen, bekamen einen guten Lohn.

Noch einmal versuchten die Kaiserlichen im Jahre 1647 Land zu gewinnen. Sie überfielen die friesischen Schanzen, vor allem in Diele, in Holtgaste und bis an Jemgum. Dort übergaben die hessischen Kommandeure Itersen und Weiler ihre Befestigungen  leichtfertig, denn die Festung Jemgum wurde gar nicht angegriffen. Stattdessen zogen die kaiserlichen Truppen unter dem General Nanoy oder Lamboy über Böhmerwold, Marienchor und Coldeborg nordwestlich an Jemgum vorbei. Die Dörfer an der Ems  - Midlum, Critzum, Hatzum - wurden geplündert und beraubt. Die Hessen hatten die Aufgabe, die Außenkirchspiele zu beschützen, ihre Stoßtrupps brachten jeden Tag viele Gefangene nach Jemgum.

Graf Königsmark und General Ravenshaupt kamen im Herbst dieses Jahres  aus Kassel zu Hilfe. Sie erobereten die Schanzen zurück und zwangen die Kaiserlichen zum Rückzug. Die beiden Abtrünnigen, Weiler und Itersum, wurden nach Kriegsrecht verurteilt - Itersum wurde begnadigt, Weiler der Kopf abgeschlagen.  Seine Leiche wurde in Holtgaste begraben.

Die Hessen zogen 1650 von Ostfriesland fort, waren also 13 Jahre hier. Die Jemgumer Festung wurde geschleift.  Endlich war Frieden eingekehrt. Endlich konnte der Aufbau beginnen.

In Weener lagen zu dieser Zeit 59 Häuser in Schutt und Asche, auch sie wurden wieder aufgebaut. Als Zeichen dessen, dass immer neues Leben aus den Ruinen entsteht, hat die Stadt Weener den Vogel Phönix in ihr Wappen aufgenommen.

An der rechten Seite der Ems gab es vom Hümmling aus nur vier  sichere Wege durch das Moor nach Ostfriesland: 1. von Altenoithe über Barßel nach Stickhausen; 2. von Sedelsberg über Ramsloh nach Stickhausen (Gründe genug, um besonders die Burg Stickhausen zu befestigen); 3. von Esterwegen über Bockhorst durch das Overledingerland nach Leer; 4. entlang der Ems über die Königsstraße von Aschendorf über Völlen nach Leer. Tilly benutzte die Trassen auf seinen Zügen nach Norden, die Kaiserlichen fanden diese Wege, die Hessen kamen so durch die Moore.

War schon früher im Grenzgebiet zwischen Aschendorf und Völlen ein reger Verkehr, oft durch Zank und Streit unterbrochen, so kam es in dem großen Krieg besonders hier zu immer neuen Leiden, sei es durch die Truppen der  UNION oder durch die der LIGA angeschlossenen Verbände. Oft wussten die Soldaten gar nicht, welcher Sache sie vertraten - Rohheit und Wildheit zeichnete sie aus, ohne nach Religion, Moral oder Sitte zu fragen.

Wenn auch in Völlen direkt keine Kämpfe stattfanden, so musste das Dorf doch durch die durchziehenden Heerscharen bluten. In einem Verzeichnis über die Liegenschaften in Völlen werden 1632 insgesamt 25 Hausstätten angegeben. Hinter acht der Namen steht  wüst -was wohl bedeutet, dass der Hof abgebrannt oder sonstwie zerstört wurde. Zwei Höfe erhielten den Zusatz verlassen - ebenfalls ein Indiz, dass die Bewohner flüchteten, vielleicht in das nahe gelegene Moor.

Keine drei Kilometer von der Kirche Völlens entfernt lag die verlassene Pape-Borch. Es war ein kühnes Unternehmen des Drosten Diedrich von Velen, die Burg, die aus einem alten Haus und zwei Türmen bestand, in Zeiten der Kriegswirren (1631) zu kaufen. Er wollte von hier aus das Moor nach Osten hin kultivieren - ob er als Zukunftsvision die heutige Stadt Papenburg gesehen hat? Er musste jedoch schon 1633 erfahren, wie wechselhaft doch die Politik ist. Dodo von Inn- und Knyphausen eroberte das Emsland - wie schon ausführlich behandelt - und vertrieb auch den Besitzer der Pape-Borch. Erst 1638 konnte dieser zurückkehren. Ohne Rast und Ruh ging er , ohne sich um die Kriegswirren zu kümmern, an die Arbeit. Es entstand die erste Fehnkolonie Deutschlands.

Ähnlich wie Meppen war auch Stickhausen ein Knotenpunkt für die marschierenden Truppen. Von Süden her konnte man über einen  schmalen Geestrücken durch das Saterländische Moor bis an Leda und Jümme vorrücken und dann das gesamte Ostfriesland „überschwemmen“. Nach Westen hin boten ein Sandgürtel den Landweg, Jümme und Leda den Wasserweg bis nach Leer und der Festung Noort (Leerort) an der Ems. Von dort waren Emden und die Nordseeküste nicht weit.

Dietrich von Velen zum Gedenken

Dietrich von Velen, Drost im Emsland

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ENDLICH!     Es ist geschafft.

Diese Homepage ist nun auch als Buch mit dem Titel

ZOLL UND GRENZE IM WANDEL DER ZEIT  

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Johann Beerens Freier Journalist und Buchautor
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Ich habe gestern mein Buch Nr. 124605 zum Druck freigegeben. Nun erscheint auf meinem Desktop im Hintergrun d das Cover des Buches groß, aber fast unlasbar. Das muss da wieder weg. Wie mache ich das?

Mit freundliche n Grüßen

Johanna Beerens, Tergast

jbtergast@t-online.de