Auf dem Weg nach EUROPA - Zoll und Grenze im Wandel der Zeit

Wenn Steine sprechen könnten

  'Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt'

Noch einmal müssen wir weit in die Geschichte zurückgehen.  Wie schon anfangs ausgemalt, waren die Grenzen im weitläufigen germanischen und später „teutschen“ Land oft nur von der Natur gebildet: Flüsse, Moore, Urwälder oder Meere trennten Volksstämme und Sippen.

So war das auch wohl südlich von Meppen/Lingen in Richtung Quakenbrück. Ein riesiges Moor- und Waldgebiet machte die Gegend unwegsam, was dem römischen Geschichtsschreiber  Tacitus veranlaßte zu sagen „... eine Gegend durch Wälder fruchtbar, durch Moore und Sümpfe abscheulich ...“  Später nannte man das Gebiet „Hahnenmoor“.

Diese Stelle nun war schon in der germanischen Zeit ein „Dreiländereck“, stießen doch hier im Norden der AGRADINGAU mit Meppen, im Osten der FARNGAU mit Ankum und im Westen der VENKIGAU mit Freren und Emsbüren zusammen. Ob die Bewohner sich schon damals an dem Riesenfindling, etwa mannshoch und in zwei Teile geborsten, orientiert haben, ist ungewiß. Später, vor etwa 1250 Jahren, als die Sachsen noch nicht von Karl dem Großen bezwungen waren, könnte der Stein eine gewisse Grenzfunktion gehabt haben.

Der einige Tonnen schwere Stein, der in der Eiszeit wahrscheinlich aus dem hohen Norden bis weit hinter dem steinreichen Hümmling transportiert wurde, ist wohl kaum von Menschenhand bewegt worden. So war er nach dem dreißigjährigen Krieg auch der gegebene Punkt, um klare Grenzverhältnisse zwischen dem Fürstbischof Bernhard von Galen in Münster, dem Prinzen von Oranien, dem damals die Grafschaft Lingen gehörte, und dem Fürstbistum zu Osnabrück, zu schaffen. In dieser Zeit wurde die Jahreszahl 1652 eingemeißelt. Im Volksmund erhielt der Stein die Bezeichnung „Dreiherrenstein“.

Auch später markierte der Stein eine Dreiländerecke, und zwar stießen hier die Kreise Meppen, Lingen und Bersenbrück zusammen; gleichzeitig war der „Dreiherrenstein“ Grenzecke zwischen den Gemarkungen Dohren, Grafeld und Wettrup. Lange war der Stein danach oder dazwischen verschwunden. Es ist nicht mehr nachzuvollziehen, ob der einstige Riesenfindling gesprengt und abtransportiert wurde, oder was sonst mit dem Stein passierte. Jedenfalls, als er 300 Jahre nach 1652 seine Bedeutung wiedererlangen sollte, war er geschrumpft. Man fand in einer Wallhecke unter Gestrüpp und Erde einen runden Stein, etwa 150 cm hoch und mit der Jahreszahl 1652 versehen. Er muss also nach dem 30jährigen Krieg behauen worden  und dann in Vergessenheit geraten sein. Heimatvereine der drei Gemeinden setzten den Stein auf einen Sockel mit der eingelassenen Jahreszahl 1952. Eine Bank mit der Bezeichnung „Dreiherrenstein“ lädt zum Verweilen und vielleicht auch zum Nachdenken um die verworrene Zeit nach dem Westfälischen Frieden ein. Somit wird der Dreiherrenstein als ältester „Grenzpal“ für die Nachwelt erhalten.

Grenzmarkierungen anderer Art sind ebenfalls hier und da noch bekannt oder sogar erhalten. Östlich des Hahnenmoores bei Börstel steht noch ein eichener Grenzpfahl, der den Namen „Rote Säule“ erhielt. Zwischen dem Fürstbistum Osnabrück und der Grafschaft Tecklenburg wurde die Grenze an der Straße zwischen Voltlage und Recke durch einen großen viereckigen Stein markiert, der den Namen „Schwarze Säule“ trägt. Hölzerne Grenzpfähle standen auch zwischen verschiedenen Dörfern (siehe auch „Grenzgeschichten“).

Ostfriesland gehörte in der Häuptlingszeit mit den Häuptlingen „ten Broeks“, „Focke Ukena“ und vielen anderen noch nicht zum Deutschen Kaiserreich. Graf Edzard I. versuchte in einer Urkundenfälschung schon seinen Bruder Ulrich im Jahre 1454 als Graf von Ostfriesland anerkennen zu lassen.. Die echte Urkunde aus dem Jahre 1464 erst erhebt Ostfriesland in den Grafenstand. Damals reichte Ostfriesland bis an die „duitschen Palen“ = von der Ems bei Papenburg bis Detern.   

Die Original-Urkunde von 1464  befindet sich im Nieders. Staatsarchiv Aurich.

Es gab auch an der Grenze zwischen Münsterland und den Generalstaaten mehrere Grenzverträge, so von 1743, 1764, 1768 und 1784. Diese wurden mehrmals gebrochen oder gar nicht beachtet. Offenbar war auch nicht eindeutig festgelegt, wer welches Land benutzen oder wer welche Moorflächen kultivieren durfte. Nur gebaut werden durfte nicht hüben und drüben der Grenze, wie aus den Protokollen von Neurhede hervorgeht. In manchen Gegenden war die Grenzziehung aber schon genauer festgelegt, vielleicht auch durch die Grenzscheidungskarte zwischen dem Hochstift Münster und der Republik der vereinigten Niederlande vom 25. Oktober 1785. Diese Karte wurde von den Lieutenants Bartels und Flensberg entworfen. Sie hat eine Größe von 209,6 cm Länge und 59,5 cm Breite und ist als Rolle im Archiv der Herzoglich Arenbergischen Verwaltung in Meppen aufbewahrt.

Diese Grenzscheidungskarte beginnt am Dreiländereck Grafschaft Bentheim, Landschaft Drenthe und Hochstift Münster mit dem Stein Nr. 1 und endet am Dreiländereck Ostfriesland (Preußen) Westerwoldinger Land und Hochstift Münster mit dem Stein Nr. 13. Fünfundfünfzig Kilometer Grenze wurden damit schon 1785 vermessungsmäßig festgelegt.

Die Strecke Nr.1  bis Nr. 2 zieht von Hankens Boe = Schuppen bis Heckmanns Boe durch das Schonebeeker, Heseper und Rüler Compascuum. Bis Nr. 3 geht es weiter nach Norden in die Weite des Moores zwischen dem Schwarzen Meer und dem Hebeler Meer hindurch. Bis Rütenbrock gibt es noch 4 und 5, von wo es dann von Nr. 6 durch das Barenflär zum Stein Nr. 7 auf dem Graf Ernst-Dieck geht. Von dort gerade aus nach Norden liegt der Hasselberg, ein 14 m hoher Sandhügel mitten im Moor. Er war der einzige solide Festpunkt in der Einöde. Hier südlich von Sellingen und westlich von Walchum stand Stein Nr. 8.  Ca. 7 km nördlich davon standen die Steine Nr. 9, 10 und 11. Sie umschlossen  auf einer Länge von 1.500 m die Festung Bourtange. Nr. 12  stand weiter nördlich im Rheder Moor, wahrscheinlich dort, wo das Deep an der Ecke des Schulmeisters Gelände die Grenze zum Großen Meer bei Borssum überquert. Schließlich befand sich der Stein Nr. 13 bei Lethe (später Festung Lethe und Grenzübergang Dünebrock). Am 25. Oktober 1785 unterschrieben die münsterschen Lieutenants Bartels und Flensberg und die beiden holländischen Bevollmächtigten Infanterie- und Ingnieurs-Major R. Rummerik und der extraordin. Ingnieur D. van Lier das Dokument. Es war sicherlich die Grundlage für die drei Jahre später stattfindenden  Gründungen der Moorsiedlungen. Besonders erwähnenswert ist jedoch bei dieser Abmachung, dass der Passus im Grenzvertrag von 1743 gültig blieb, in dem es heißt:   „... beiderseits unterthanen bey de genuss ihrer Gründen, welche die selbe bis hiehin gehabt, ohngehindert verbleiben und selbige ihres gefallens entweder selbst zu gebrauchen oder zu verheuern befuget...“ und „...denen münsterischen Unterthane das Compascuum = Gemeinschaftsweide, sonstige befugnisse und erbauung derer boen = Ochsenstall, Bau gleichsfalls freystehen...“   Es galt in allen Stücken gleiches Recht beiderseits der Grenze. Dieses Recht der Landbenutzung wird im Meppener Grenztraktat von 1824 noch einmal ausdrücklich bekräftigt.

Nach dem Basler Friedensvertrag wurde ein Kordon um Preußen gebildet -                                   die Demarkationslinie.              Im Mai 1795 kam der preußische General und Haudegen Blücher ins Emsland, um hier die Grenzmarkierungen aufzustellen. So wurde der Grenzstein Nr. 8 auf dem Hasselberg von einem 1,50 m hohen Sandstein abgelöst. Dieser Stein trägt die Buchstaben RBF für Republica Batavia Federatie = Batavische Republik. Nach dem Meppener Grenzvertrag erhielt der Stein die Nr. 176. Für Hannover wurde an der Westseite ein H eingemeißelt, unter dem RBF steht seitdem ein N für Niederlande.  Dort, wo am Schwartenberg bei Rütenbrock der Stein Nr. 6 nach der Grenzscheidungskarte von 1785 stand, wurde ebenfalls ein Demarkations-Stein mit der Nr. 165 aufgestellt. Ein weiterer Stein mit den Buchstaben RBF trägt die Nr. 185 und steht dort, wo das Münsterland endet, Ostfriesland beginnt und die Niederlande grenzt.

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Wir sehen schon, dass die Grenzstein-Nummern  sich nach 1785 wesentlich erhöht haben, es wurden also viel mehr Grenzpalen aufgestellt. Die Zählung begann nun schon bei „Dreiland“ (Hannover, Preußen, Drenthe). Außerdem waren inzwischen die Moorsiedlungen eingemessen und gegründet. Die Grenze konnte genauer bezeichnet werden. Grundlagen dafür bildeten die Grenzverträge von Aachen am 26. Juni 1816, von Kleve am 07. Oktober 1816 und von Meppen am 02. Juli 1824.  Diese Verträge sind nicht nur wegen ihrer außergewöhnlichen exakten Abmachungen bekannt geworden, sondern spielen auch in der Geschichte zwischen Deutschland und Holland eine besondere Rolle. Viele der vor fast 200 Jahren festgelegten Artikel blieben bis nach dem zweiten Weltkrieg gültig und wurden in einem neuen Grenzvertrag vom 01. August 1963 wieder aufgenommen. Viele deutsche Grenzbewohner aber haben vor und nach 1963 noch sehr um ihre „Traktatländer“ kämpfen müssen - dazu mehr unter 'Blutende Grenze'.

In der Präambel des „Meppener Grenztraktates“ heißt es, daß die Vereinbarungen die glücklich bestehende aufrichtige Freundschaft bekräftigen sollen, daß die Erhaltung der Ruhe an der Grenze nötig ist, daß die angrenzenden Untertanen immer noch Streitigkeiten austragen, und daß in bezug auf die Grenzabwässerung zweckdienliche Bestimmungen erlassen werden sollen. Die Verhandlungen, die in Meppen stattfanden, wurden von Kommissionen aus Hannover und den Niederlanden geführt. Zugrundegelegt wurden mehrere Verträge, die seit 1548 zwischen der Grafschaft Bentheim, dem Münsterland und Ostfriesland auf deutscher und Twente, Drenthe und Groningen auf niederländischer Seite bestanden.

Der Vertrag enthielt eine exakte Grenzziehung mit einer genauen Beschreibung der Markierungen durch Grenzsteine. In Artikel 3 heißt es, daß Grenzsteine gesetzt werden sollen und Karten angefertigt werden müssen. In Artikel 42 wird dazu ausgeführt, daß die vorhandenen und noch brauchbaren Steine verwertet werden sollen. Die neuzubeschaffenen Steine sollen je zur Hälfte von Hannover und den Niederlanden geliefert und zum Standpunkt transportiert werden.  Wo ein Wasserlauf die Grenze bildet, sollen die Steine abwechselnd an beiden Seiten aufgestellt werden. An den wichtigen Punkten, wie Knicken, Abzweigungen, Überwege usw. sind Hauptsteine aufzustellen. Wenn die Entfernung zwischen diesen Steinen zu lang ist, werden dazwischen Nebensteine  gesetzt. Auch die genauen Maße - Länge, Breite, Höhe - sind angegeben. Jeder Stein soll mit einem N auf niederländischer und mit einem H auf hannoverscher Seite versehen werden, die Hauptsteine zusätzlich mit der Jahreszahl 1824. Die Durchnummerierung erfolgt fortlaufend von Grafschaft Bentheim bis zum Dollart. Damit die Grenzpunkte nicht willkürlich verändert werden können, haben die beiderseitigen Ortsbehörden jährlich eine gemeinschaftliche Begehung durchzuführen.

Durch die lineare Grenzziehung wurden einige Grenzbewohner und Eigentümer von grenznahen Grundstücken hart betroffen. Oft verläuft die Grenze quer durch die Grundstücke, manchmal sogar durch Haus und Hof. Diese Fälle sind im Traktat besonders berücksichtigt. So soll ein grenzdurchschnittenes Haus zu dem Land gehören, in dem das größte Stück des Gebäudes liegt. Gärten, Scheunen sowie andere Nebengebäude bleiben beim Hauptgebäude.  Die Besitzverhältnisse der grenzdurchschnittenen Grundstücke werden nicht durch die neue Grenzziehung angetastet.  Es wird ein freies Hin und Her ohne Zollabgabe garantiert; lediglich der Besitznachweis gefordert. Die Grenzbauern müssen sich allerdings eine Kontrolle durch die Grenzwächter, an deutscher Seite die Zöllner, an niederländischer Seite die Douane-Commisen, gefallen lassen. Dieser Passus wurde besonders in späteren Jahren wichtig, als durch so manche Preisunterschiede hüben und drüben die Grenzbewohner ihr Einkommen durch Schmuggeln verbessern wollten.

Für die Zukunft wurde in dem Vertrag festgelegt, dass in Grenznähe keine Gebäude errichtet werden dürfen; ausgenommen Staatsgebäude und Verteidigungsanlagen. Freiweidendes Vieh darf bis zu 50 Rheinische Ruthen (1 Ruthe = 6, 277 Meter) über die Grenze kommen, ohne dass die Gegenseite ein Einlösegeld verlangen kann. Der Besitzer soll allerdings seine Tiere so schnell wie möglich zurückholen.

Neben der ausführlichen Beschreibung des Grenzverlaufes sind  auch wasserwirtschaftliche Abmachungen festgehalten worden. Diese spielten bei der Emslandkultivierung und der Landgewinnung am Dollart eine wichtige Rolle. Es wurde entgegen der Natur eine künstliche Wasserscheide bestimmt. Nur an zwei Stellen durfte das Wasser noch seinem natürlichen Lauf folgen: 1. durch das Osseschott = Rüten-AA bei Hahnentange nach Westen und durch den Dänenfließ bei Neurhede nach Osten. In Artikel 35 wird festgelegt, dass die Schleuse (Siel) am Deich bei Bourtange zwischen dem Backofen und Abeltjes Hus zugeschüttet werden soll, dass der Deich nicht wieder durchstochen werden darf und dass die einzige Stelle der holländischen Entwässerung nach Hannover durch eine Pumpe = Durchlass =  Düker geführt werden muss (heute Dänenfließ) Alle anderen Schleusen und Siele mussten zugeschüttet werden. Damit der natürliche Lauf des Wassers nicht über die Grenze trat, wurden auf langen Strecken Wälle aufgeschüttet, wie sie z.T. heute noch zu sehen sind. Besonders nach der Emslanderschließung, wobei das restliche Moor bis an die Grenze kultiviert wurde, sind solche Wälle wie am Walchumer Schloot vom Hasselberg bis Rütenbrock entstanden.

Bild: Walchumer Schloot

Die Grenzziehung im Rheiderland wurde nach dem Traktat nicht mit dem Lineal am Schreibtisch durchgeführt, dafür war die Grenze zu sehr natürlich gewachsen. Deutlich wird das bei Bunde. Dort ragt Neuschanz mit einer Spitze, die vom Festungsbau vorgegeben war, weit ins Rheiderland.  Auch die Entwässerung wurde mit der Westerwoldschen AA bis zum Bau des Wymeerster Sieltiefs für beide Seiten zufriedenstellend gelöst. Der letzte Grenzstein liegt unweit von Neustaatensiel am Rande des Dollarts. Ja, das ist richtig: es ist ein quadratischer Stein, der nicht wie die anderen steht, sondern umgeben von Blumen und Gras liegt. Wahrscheinlich hat man dabei bedacht, dass er sonst durch Hochwasser oder gar Sturmfluten ohnehin schnell umstürzen würde. Der Stein trägt die Nummer 203 und die Inschrift „Punktum a qua - Anno 1859“. Wahrscheinlich später ist noch „der Sap“, was immer das bedeuten mag, eingeritzt worden.

Die Grenzsteine, ob nun im Emsland oder in Ostfriesland, könnten sicherlich viel erzählen. Dazu die Geschichte von Nr. 194:

Auf der Suche nach 194

Verwittert, vermoost, verlassen, einsam auf weiter Flur, versteckt in Gebüsch und Strauch oder Graben, unbeachtet, unbekannt, unangetastet stehen sie entlang der deutsch-niederländischen Grenze: die quadratischen Steinblöcke, 1 bis 1 ½ m aus dem Boden ragend, mit eingemeisselten Zahlen und Buchstaben, 5 m oder auch 100 oder 1000 m auseinander. Die königlich-hannoverschen, später königlich-preußischen auf der einen und königlich-niederländischen Grenzwächter auf der anderen Seite waren stolz darauf, dass die Grenze zwischen den beiden Ländern präzise markiert worden war. Sie orientierten sich an den Grenzsteinen, die für sie eine Art ruhender Pol in dem weiten, öden, unübersichtlichen Gelände waren. Als 1824 infolge des Meppener Grenzvertrages die exakte Grenzziehung durchgeführt wurde, prunkten die neuen Steine auf den Wällen, an den Gräben, in den Niederungen und an einigen Stellen sogar an den Wegen. Die Zahlen, die die Steine fortlaufend nummerieren, waren fein säuberlich ausgehauen, ebenfalls die Buchstaben N und H, die für die Landesbezeichnungen „Niederlande“ und „Hannover“ stehen. Nach 1866 stellten die Preußen noch mehr, sogenannte Zwischensteine, auf und kennzeichneten sie mit einem P für „Preußen“

Jahre gingen ins Land. Die Grenzer gewöhnten sich an die Steine, die mit der Zeit einen graugrünen Belag bekamen. Bald waren auch die Inschriften nur noch mit Mühe zu erkennen. Was die Steine erzählen könnten, was sie alles gesehen, gehört und mitgemacht haben, das wird wohl ewiges Geheimnis der steinernen Wächter dort draußen an der Grenze sein und blieben.

Eine erlebnisreiche, wechselhafte Vergangenheit hat Grenzstein Nr. 194 hinter sich. Dort, wo das Schöpfwerk Bunderneuland das Wasser des Wymeerster Sieltiefs hebt; dort wo der Neuschanzer Friedhof bis an den Deich des Wymeerster Sieltiefs reicht, dort steht 194. Mit seinem N schaut er über die holländischen Gräber, sein P blickt auf deutsches Gebiet, auf die Wiesen und Felder des Bunderneulandes.Als er aufgestellt wurde, klapperten zwei riesige Windmühlen am Tief, die das Wasser aus dem niedrigen Land in den Abflusskanal schöpften. Der kleine Stein kam sich noch kleiner vor, wenn er die gewaltigen Flügelarme in der aufgehenden Sonne schlagen sah. Später wurde eine der Mühlen abgebrochen. Damit war auch die Ruhe, die laute Stille des Mühlenrauschens vorbei. Eine Dampfmaschine stampfte und zischte und ratterte, dicke Qualmwolken verpesteten die Luft. Wenn der Wind aus Osten blies, setzten sich schwarze Rußflocken auf 194 und überzogen ihn mit einer schwarz-grauen Schicht.

Auf einsamen Posten am Friedhof

Im Hörnstoel wachte der Wassermüller, zuletzt wohnte er im Mühlenstumpf

Der Wassermüller Jan Kroeze war sein Freund. Oft kam er über die wackelige Holztille  und lehnte sich an den Stein. Hier konnte er in aller Ruhe nachsinnen oder das unermüdliche Schwingen der Mühlenflügel beobachten. Ende  der zwanziger Jahre verschwand auch die zweite Mühle. Den Dampfkoloss holte man ebenfalls ab.In einem soliden Steinhaus donnerte danach eine Dieselmaschine, die später durch einen Elektromotor abgelöst wurde.

Mit seinem „N“ hat 194 gesehen, dass das Leben der Menschen kein sehr langes ist. Er sah viele Bekannte und Unbekannte hinsinken in die Erde. Wenn am Nachmittag die Glocken von Neuschanz herüber klangen, dann wusste er: es wird wieder ein Erdenbürger gebracht. Nicht immer kam die schwarze Kolonne ganz heran. Dann hörte er nur das Gemurmel der Trauergemeinde. Manchmal aber standen die „Trauernden“ in seiner unmittelbarer Nähe. Er hätte sich oft schämen mögen über das, was in den letzten Reihen des Gefolges gedacht oder gar gesprochen wurde.

Einige Zeit nach der Beisetzungszeremonie brachten Männer einen Stein. Selbstverständlich wesentlich schöner, poliert und mehr behauen, mit mehr Inschrift als bei 194, aber einen Stein, einen Grenzstein wie er, nicht zwischen zwei Völkern, sondern zwischen Leben und Tod, zwischen dem Irdischen und dem Ewigen, Himmlischen.  Der letzte Stein wurde vor dem  zweiten Weltkrieg gebracht. Seitdem kommen nur noch selten ewige Gäste auf dem zu eng gewordenen Gottesacker. Ein neuer Friedhof liegt am anderen Ende des Grenzortes.

Kriege und Kriegsgeschrei überlebte 194 nur mit knapper Müh. Nicht, dass er sich gefürchtet hätte vor dem Niederprasseln der Bomben und dem Detonieren der Granaten um ihn herum, oder dass er feige gewesen wäre, wenn ein blutjunger Soldat, gleich welche Uniform er trug, sich in seinem Schutze duckte und er die „blauen Bohnen“ abfangen musste. Aber zweimal bestand die Möglichkeit, dass er seinen Platz räumen sollte. Zweimal blutete die deutsche Grenze, zweimal bestand Gefahr der Verlegung und Neuziehung der Grenze.

Was ist eine Grenze ohne Schmuggler und Zöllner? In den langen Jahren seiner einsamen Postierung sah 194 Schattengestalten an sich vorüber schleichen. Die einen, die „Grünen“ lagen stundenlang, manchmal nächtelang hinter der Hecke, am Deich oder an der Böschung des Wymeerster Sieltiefs.  Aber immer dann, wenn die Zöllner so sehr aufpassten, passierte nichts.  Die anderen, die Läufer und Träger, lagen hinter den Grabsteinen und warteten auf eine günstige Gelegenheit.

Einmal, so erinnert 194 sich noch  genau, es war an einem Donnerstagabend im November. Den ganzen Tag hatte ein grauer Nebel die Welt klein gehalten. Nur das Fauchen der Dampfmaschine war zu hören gewesen. Sechs junge Leute tauchten auf dem Friedhof aus dem grauen Schleier und stolperten fast über 194.

„Geht zurück, macht lange Beine,“ so hätte er mahnen mögen,“haut ab, die Kommiesen sind in der Nähe.“

Die Zollbeamten hatten sich in der Mühle versteckt. Sie sahen zwar nichts, aber der Berittene vertraute auf seine Liese. Seine Märe witterte, wenn fremde Menschen in der Nähe waren. Mit Übereifer beobachtete er die Nüstern des Pferdes,  und als das Tier die  Luft plötzlich tief einsog, da wusste er: sie kommen..

Es ging alles sehr schnell.Die postierenden „Grünen“ schwärmten nach beiden Seitren aus und liefen im Bogen auf die kleine Brücke bei 194 zu.  Als alles beendet war, hatten sie sechs Sack mit feinstem holländischem Tee und ... keinen Mann. Wieder einmal war der Nebel und die Dunkelheit ein Feind der Staatsgewalt gewesen. Doch einen der Männer hatte der Berittene auf seiner Liese verfolgt. Er hatte ihn erkannt, stellte ihn bei einer anderen Gelegenheit und führte ihn dem Richter vor.

In späterer Zeit sah 194 nicht mehr so viele Schmuggler. Das Risiko wurde größer  und der Verdienst kleiner. Die Kommiesen hatten Schäferhunde bekommen. Somit war ein Entkommen der Defraudanten nicht mehr so sicher. Die jungen Burschen, die vorher nicht scheuten, es mit den Pistolen und Karabinern der „Grünen“ aufzunehmen, hatten einen Heidenrespekt vor dem Zugriff eines Zollhundes.

So steht 194 jetzt verlassen am Friedhofsrand. Das steinerne Leben ist trostlos und einsam geworden. Er denkt schon daran, wie gut es sein wird, wenn man ihn abholt. In letzter Zeit sah er die Landmesser, holländische und deutsche, die an beiden Seiten des Wymeerster Sieltiefs ihre rot-weißen Stöcke hin- und herstellten und auf großen Karten Einzeichnungen machten. Als die Männer einmal im Schatten der Hecke ihr Frühstücksbrot verzehrten, hörte er erzählen, dass das Wymeerster Sieltief an dieser Stelle zugeschüttet werden soll, und dass hier dann eine große, breite Straße entlang führen wird. Eine EUROPAstraße, die dazu beitragen soll, dass einmal die Grenze wegfällt, und dass dann die verwitterten, stummen Wächter im Heimatmuseum ihre Geschichte und Erlebnisse austauschen.

Dreißig Jahre sind vergangen:

Der Erzähler obiger Geschichte wollte im Schatten des Grenzsteins noch einmal über das Werden EUROPAs nachdenken, noch einmal die letzte Zeit Revue passieren lassen. Doch auf der Suche nach 194 fand er eine völlig veränderte Landschaft vor. Der Wymeerster Sieltief glich nur noch einem verlassenen Tümpel, der notfalls noch als Viehtränke diente. Der Mühlenstumpf, in dem die Schöpfwerksmeisterin Mecheline Kroeze  lange Jahre gewohnt  hatte, war verschwunden und auch die kleine Holztillke war nicht mehr da. Dort, wo 194 mehr als 150 Jahre gestanden hatte  nur noch Strauchwerk und eine hohe Böschung. Bei näherer Betrachtung stellte er fest, dass das, was die Landmesser damals an der Hecke erörtert hatten, wahr geworden war. Hier rollte jetzt der EUROPAverkehr über eine neue, breite Autobahn.

Ein Vergleich mit dem obigen Bild belegt, dass die Friedhofssteine fast von Buschwerk verdeckt sind, etwas weiter links stand der Grenzstein 194

Tillke

Der falsche 194

Auf einem Platz in Neuschanz erinnern Kanone und Grenzsteine an die Zeit der Grenze.

Wo aber war 194 geblieben? Die Auskunft von der Gemeinde Reiderland aus Finsterwolde lautete: der steht in Neuschanz neben der Kanone. Doch o Schreck, das ist gar nicht der gesuchte 194, sondern nur sein Bruder 194 I, der hier zusammen mit 195 einen ehrenvollen Platz erhalten hat.Auch Mijnheer E.F.Sap aus Neuschanz, seines Zeichens Heimatforscher und früherer Rektor der Schule, wusste nichts über den Verbleib des Grenzsteins zu berichten. Auf einem Spaziergang zum alten Friedhof erzählte er, dass in den sechsziger Jahren zahlreiche Verhandlungen zwischen niederländischen und deutschen Behörden stattgefunden hatten. Wegen des Straßenbaus mussten einige Grenzveränderungen  vorgenommen werden, wobei Deutschland einige Grundstücke an die Niederlande, die Niederlande im Tausch einige Grundstücke an Deutschland gegeben hat. Der Wymeerster Sieltief musste umgeleitet werden und erhielt ein neues, modernes Schöpfwerk  neben dem alten Zollamt Bunderneuland. Im Jahre 1969 wurde dann die niederländische Reichsstraße gebaut.

Doch das war nur der Anfang der großen Baumaßnahmen. Zehn Jahre dauerte die Planung, dann führte ZAM Müller-Seedorf  am 18. September 1984 einem großen Kreis von Besuchern  „sein“ neues Zollamt vor, das nicht nur den deutschen und niederländischen Zoll- und Grenzüberwachungsorganen sowie zahlreichen Spediteuren Platz bot, sondern auch so konzipiert war,  dass hier einmal der große EUROPAverkehr über eine neue Autobahn abgefertigt werden konnte.

Wieder waren fast zehn Jahre ins Land gegangen, als an niederländischer  Seite das Autobahnteilstück der A 7 von der Verkehrsministerin Hanja Maij-Weggen in Begleitung des Neuschanzer Bürgermeisters Wim Cornelius dem Verkehr übergeben wurde. Der Anschluss an deutscher Seite wurde ein Jahr später fertiggestellt.

Mijnheer Sap hatte mit seinem Begleiter die südliche Ecke des alten Friedhofs erreicht. Nach einer Skizze müsste hier 194 stehen. Doch die Suche blieb vergebens. An der Stellung der Grabsteine wurde lediglich festgestellt, dass auch ein Stück des Friedhofes dem Straßenbau zum Opfer gefallen war. Ein pensionierter Douane-Beamter, früher einmal Vorsteher des Zollamtes Neuschanz, konnte schließlich berichten, dass der Grenzstein 194 an seinem alten Standplatz „lebendig“ begraben wurde. Im Eifer des Gefechts hatten die Bagger- und Raupenfahrer beim Bau der Straße nicht aufgepasst und den „nutzlosen“ Stein einfach untergebuddelt.

Ironie des Schicksals? Hatte nicht 194 so oft auf seinem einsamen Post miterleben müssen, wie  die Toten zur letzten Ruhe in die Erde gebettet wurden? Nun war ihm selbst dasselbe  Los zugefallen - damit ging eine Geschichte an der rheiderländisch/reiderländischen Grenze zu Ende. 

Die Grenzänderungskarte von Neuschanz

 

Nach 1866 wurden noch mehr Grenzsteine aufgestellt. Sie erhielten an deutscher Seite ein P für Preußen und machten die Grenzkennung und Grenzüberwachung noch kompletter.

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ENDLICH!     Es ist geschafft.

Diese Homepage ist nun auch als Buch mit dem Titel

ZOLL UND GRENZE IM WANDEL DER ZEIT  

erschienen. Es hat die ISBN Nr. 9783 8370 9550 0, hat 424 Seiten, davon 45 farbig

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Johann Beerens Freier Journalist und Buchautor
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Ich habe gestern mein Buch Nr. 124605 zum Druck freigegeben. Nun erscheint auf meinem Desktop im Hintergrun d das Cover des Buches groß, aber fast unlasbar. Das muss da wieder weg. Wie mache ich das?

Mit freundliche n Grüßen

Johanna Beerens, Tergast

jbtergast@t-online.de